Heilpraxis für ganzheitliche Sexualtherapie, Paarberatung und Psychotherapie, Fortbildung in Sexologie und Sexualberatung, Supervision
in Hamburg Ottensen
Susanna-Sitari Rescio, Heilpraktikerin für Psychotherapie

Die Kunst der Berührung – Körperkontakt & Sinnlichkeit

Dass wir Menschen meistens gerne berührt werden und auch selber gerne Berührungen schenken, ist uns allen vertraut und bekannt, aber warum ist Berührung so wichtig und was macht eine angenehme Berührung aus? Diese und ein paar andere Aspekte möchte ich in diesem Artikel beschreiben.

Warum ist Berührung so wichtig?

Ein zentraler Aspekt im Leben eines Menschen und dementsprechend in einer Liebesbeziehung ist Berührung. Körperkontakt ist ein fundamentales Bedürfnis des Menschen. Von Kindheit an sind wir darauf angewiesen. Durch intensive, regelmäßige, liebevolle Berührungen werden die Entwicklung des Kindes und die Eltern-Kind-Bindung gefördert und positiv beeinflusst. Ein Baby das nicht berührt werden würde, würde nicht überleben können. Auch „große Babies“, wie ich manchmal uns Erwachsene nenne, brauchen viel Berührung. Berührung ist u.a. am Anfang unseres Lebens deshalb wichtig, weil durch die Aktivierung der Hautrezeptoren Sinnesreize ans Gehirn weitergeleitet werden, die wiederum die Bildung von Synapsen fördern, wodurch überhaupt erst bewusste Selbstwahrnehmung möglich wird. Wird ein Baby nur wenig berührt bzw. werden bestimmte Bereiche von den Berührungen durch die Eltern und später durch es selbst ausgeschlossen, wird ihm sein Körper – oder ein Teil davon – ähnlich fremd bleiben wie ein unbekanntes Land, und zwar so sehr, dass ihm nicht einmal klar ist, dass da überhaupt eins ist, weil ihm auch dafür das Bewusstsein fehlt. An der Stelle der angenehmen Körperempfindungen wird nur eine Leere empfunden. Diese Leere wird oft von Frauen berichtet, die ihre Scheide als „fremdes Land“ bezeichnen und dem entsprechend keine angenehme Empfindungen damit assoziieren bzw. erleben können. Durch fehlende Selbstberührung sind die Synapsen gar nicht erst entstanden, die eine bewusste Wahrnehmung erlauben könnten und ein Wissen darüber ermöglichen, was erwünscht und was weniger erwünscht ist, was erotisierend wirkt und was im Gegensatz dazu die Erregung verhindert.

Auch „große Babies“ wie ich manchmal uns Erwachsene benenne, brauchen viel Berührung.

Was macht eine angenehme Berührung aus?

Berührungen, die wir als angenehm empfinden, lösen seelisches Wohlbefinden aus sowie weitere positive Gefühle wie tiefe Entspannung, Nähe, Geborgenheit, Verschmelzung. Hingegen lösen unangenehme Hautkontakte negative Gefühle wie Abwehr, Lustlosigkeit und Wut aus. Aber wann ist eine Berührung angenehm? Wie soll sie sein, damit sie als angenehm empfunden wird?

Eine Berührung wird meist als angenehm erlebt, wenn sie der Präsenz der berührenden Person entspringt – d.h., wenn der Mensch, der uns berührt, ganz da, uns vollständig zugewandt ist, sodass seine Berührung sich nicht „mechanisch“ anfühlt, sondern aus einer liebevollen, achtsamen Zuwendung heraus geschieht. Dieser Unterschied wird durch ein Beispiel verdeutlicht: Beim Fernsehen auf dem Sofa sitzend, ganz vertieft in das laufende Programm, streichelt der eine Partner wie selbstvergessen die Schulter des anderen, gleichmäßig, monoton, mechanisch. Das ist auch Berührung. Sie wird aber seltener als angenehm empfunden vor allem im Vergleich zu einer aufmerksamerer Form der Berührung. Würde sich in der gleichen Situation der eine Partner dem anderen direkt zuwenden und seine Schulter streicheln oder halten, wäre die Berührung wahrscheinlich willkommener und angenehmer. Der berührte Partner würde sich wohler fühlen, weil der Partner ihm eindeutig seine Aufmerksamkeit schenkt.

Eine Berührung wird meist als angenehm erlebt, wenn sie der Präsenz der berührenden Person entspringt, d.h., wenn der Mensch, der uns berührt, ganz da, uns vollständig zugewandt ist.

Ein kleiner Selbstversuch lässt den Unterschied spüren: Lese den Artikel weiter und streichele für ein, zwei Minuten währenddessen Deinen Unterarm. Lese nun diese kurze Anleitung durch und schenke dann Deinem Unterarm einige Atemzüge lang vollkommene Aufmerksamkeit: Schaue hin, halte ihn in Deiner Hand, erfühle mit Deinen Fingerspitzen die Beschaffenheit der Haut und fahre dann langsam mit der Handfläche auf ihm auf und ab. Spürst Du den Unterschied?

Die Präsenz bei dem was wir gerade tun, macht den Unterschied! Dabei kann die Berührung, die wir schenken, zart und leise wie ein Schmetterling sein aber auch intensiv und kraftvoll wie ein stürmischer Tag. Bei dem Partner mit all unseren Sinnen da zu sein, ist ein Schlüssel für angenehm empfundene Berührungen.

Ein zweiter Aspekt ist die sog. Absichtslosigkeit in unserer Berührung. Damit gemeint sind Berührungen, die kein festgelegtes Ziel haben, das wir als Gebende erreichen möchten. Unsere Aufmerksamkeit sollte empfänglich bleiben, damit wir erspüren können, wie der Partner auf unsere Berührungen reagiert: sinnlich entspannt, lustvoll berührt oder erschöpft und müde. Als Berührende gehen wir in Körperkontakt zum Partner. Unsere Berührung ist ein offenes Gewahrsein, ein Angebot, auf das der Partner frei antworten kann: Wir berühren ihn, um ihm ein gutes Gefühl zu geben, ihn zu halten und ihm Geborgenheit zu schenken, ihn sinnlich zu erreichen oder sexuell zu erregen. Trotzdem sollte das Ergebnis unserer Berührung so ergebnisoffen wie möglich bleiben.

Zum Schluss darf selbstverständlich nicht vergessen werden, dass jeder Mensch diesen besonderen Schatz – die Kunst der Berührung – quasi per Geburtsrecht in sich trägt und er nur darauf wartet, gefunden zu werden und in vollem Glanz zu erstrahlen. Bei einigen Menschen liegt er bereits poliert an der Oberfläche. Bei anderen ist er noch im Inneren verborgen wie ein Rohdiamant, der noch an die Oberfläche befördert werden muss, um zum Brillanten geschliffen zu werden. Jedoch tragen alle Menschen das Potenzial und die „Requisiten“ in sich, liebevoll, sinnlich, erotisch und intensiv zu berühren und berührt zu werden.

Wenn Du kein „Naturtalent“ bist in Sachen Berührung, wird es sicherlich nicht schaden, sich schlau zu machen und einen Kurs in sinnlicher achtsamer Berührung zu besuchen. Dein*e Partner*in wird sich sicherlich dafür bedanken!

Durch Berührung eine emotionale Brücke aufbauen

Durch Präsenz und Absichtslosigkeit in der Berührung errichten wir das, was ich gerne „emotionale Brücke“ nenne. Damit gemeint ist die emotionale Verbindung, die durch Körperkontakt hergestellt werden kann, die die Tür zu mehr, zum Beispiel intensivem und lustvollem Sex, öffnen -vorausgesetzt, diese wichtigen Spielregeln werden beachtet: Also ganz bei der Sache zu sein, wenn wir den Partner berühren und offen zu bleiben für die Richtung, die diese Begegnung mit dem Partner nehmen wird, auch dann, wenn wir vielleicht nicht das bekommen, was wir erhofft haben. Auf diese Art bleiben wir in gutem Kontakt mit dem Partner und sicherlich macht dieser Kontakt die nächste Begegnung angenehmer und möglicherweise für beide erfüllender.

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