Heilpraxis für ganzheitliche Sexualtherapie, Paarberatung und Psychotherapie
Fortbildung in Sexologie und Sexualberatung, Supervision
Hamburg
Susanna-Sitari Rescio, Sexologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie

 

Warum Berührung unter die Haut geht.
Berührung erwünscht!

Berührung ist ein Grundbedürfnis des Menschen, ebenso wie Nahrung und Schlaf. Streicheln, liebevoll Halten und Massieren sind verschiedene Formen von Hautkontakt, einer der ursprünglichsten Kommunikations- und Kontaktwege von Menschen und Tieren. Die Haut ist über den Tastsinn mit unserem Nervensystem verbunden und Reize, die über die Haut gehen, beeinflussen unser Befinden.

Der Säugling nimmt so Kontakt mit der Mutter auf, noch bevor er überhaupt die Augen offen hat. Fehlt diese beruhigende Gegenwart, leidet nicht nur die Psyche, auch sein Immunsystem entwickelt sich weitaus weniger stabil, wie Erfahrungen mit Frühgeborenen zeigen. Im Neunzehnten Jahrhundert starben fast hundert Prozent der unter einjährigen Kinder in Waisenhäusern aus mangelndem Körperkontakt bzw. mangelnden Berührungen.

Die Fähigkeit auf Berührungen zu reagieren entwickelt sich sehr früh im embryonalen Leben. Bereits ab der sechsten Woche kann das Embryo auf Berührungsreize reagieren. Der Tastsinn entwickelt sich als erstes und ist das Leben lang aktiv, und bleibt es auch wenn die anderen Sinne schwächer werden. De facto können wir überleben ohne zu hören oder zu sehen, nicht aber ohne zu fühlen, ohne den Tastsinn.

 

Warum ist Berührung so wichtig?

Berührung ist deshalb so bedeutsam, weil durch Berührungsreize Hormone ausgeschüttet werden, die für das Wachstum der Zellen notwendig sind. Auch erwachsene Menschen sind darauf angewiesen, genug Berührung zu bekommen, um den Körper mit den notwendigen Hormonen zu versorgen, die die unterschiedlichsten Prozesse für ein gesundes Leben steuern. Interessanterweise haben Forscher*innen herausgefunden, dass achtsame, zärtliche und liebevolle Berührung in besonderem Maße für die Ausschüttung des Hormons Oxytocin förderlich ist. Diese Substanz, die sowohl ein Hormon als auch ein Neurotransmitter ist, ist nicht nur für eine schnelle und unproblematische Geburt notwendig, sondern auch der Hauptprotagonist des sogenannten „Ruhe- und Bindungssystems“. Das „Ruhe- und Bindungssystem“ hängt mit Vertrauen und Neugierde statt Angst, und mit Freundlichkeit statt Ärger zusammen.
Wenn dieses System aktiviert wird, erleben wir einen Zustand von Ausgeglichenheit, Entspannung und Zuneigung gegenüber den Menschen, die uns nahe stehen und im Allgemeinen eine ruhigere und wohlwollendere Haltung auch gegenüber Fremden. Tatsächlich haben wissenschaftliche anthropologische Studien gezeigt, welchen positiven Einfluss eine berührungsreiche Erziehung haben kann: In den Völkern, wo Kinder mehr Zärtlichkeiten bekommen haben, ist die Gewaltbereitschaft im erwachsenen Alter niedriger. Auch das Gegenteil wurde festgestellt: Je weniger Berührung, desto mehr Gewalt in der Gesellschaft.

 

Partnerschaft und Berührung

Aber zurück zu uns und unseren Partnern. Angenehme Berührungen bewirken u.a. niedrigeren Blutdruck, stärkere Schmerztoleranz, geringere Ausschüttung von Stresshormonen, besseres Lernen und bessere soziale Interaktionen. Weiterhin führen mehr Streicheleinheiten, sinnliche Massagen und achtsame Berührungen direkt zu mehr Wohlgefühl, Zuneigung und Bindung.
Warum das?
Auch hier verdeutlichen aktuelle Studien, wie es in der Haut bestimmte Fasern gibt - die sog. CT-Fasern - die nur Reize ans Gehirn übertragen, wenn Berührungen mit einer bestimmten Qualität erlebt werden. Diese Fasern reagieren optimal auf langsame Berührungen (1-10 Cm/Sek), wenig Druck und eine Temperatur von ca. 32 Grad Celsius: eine Stimulation, die an zärtliche Berührungen zwischen Liebenden erinnert. Darüber hinaus wurde beobachtet, dass das Aktivieren der CT-Fasern mit dem positiven Gefühl von Wohlsein zusammenhängt.

 

Berührung, Oxytocin und das Ruhe- und Bindungssystem

Ohne Bindungsgefühle und ohne zärtliche Berührungen lässt die Lust auf Sex mit dem Partner in einer Dauerbeziehung schneller nach, weil zärtliche, achtsame Berührungen die emotionale Brücke bauen, die zum lustvollen und erfüllenden Sex in einer Partnerschaft führt. Berührung und Körperkontakt lösen einen selbstverstärkenden Prozess aus, sowie die verstärkte Ausschüttung von Oxytocin. Dies weckt unsere Neugierde und Interesse an Kontakt, der seinerseits noch mehr Oxytocin ausschütten lässt. Es wird ein Kreislauf etabliert, der zur Stärkung einer emotionalen Bindung zwischen Menschen führt.

Und doch hat nicht jeder gelernt zu berühren. Oft genug berühren sich Partner*innen gar nicht mehr so wie am Anfang ihrer Beziehung oder sind sehr unbeholfen und mechanisch dabei. Berührung ist nämlich nicht gleich Berührung. Aber hier die gute Nachricht: Angenehme Berührung kann man lernen. Warum denn nicht einen Kurs in Berührung besuchen?

 

Quellen


Davis, P.K. (1994) - Die Kraft der Berührung. Ritterhude: Waldhausen

Field, T., (2001). Touch. London: The MIT Press


Harlow, H.F. (1958). The nature of love. First published in American Psychologist, 13, 673-685. Gesehen am 29.05.2018 in http://psychclassics.yorku.ca/Harlow/love.htm


Moberg. K.U., (2003). The Oxytocin Factor. Tapping the Hormone of Calm, Love and Healing. London: Pinter & Martin Ltd

Montagu, A. (2004). Körperkontakt. 11. Auflage. Stuttgart: Klett-Cotta


Prescott, J.W. (2016). Body pleasure and the Origins of Violence. Erste Veröffentlichung 1975 in Bulletin of the Atomic Scientists, Volume 31, Issue 9. Gesehen am 14.06.2018 in http://www.violence.de/prescott/bulletin/article.pdf

Science (2018). Nervennetz für Streicheleinheiten entdeckt. Gefunden am 17.06.2018 in http://sciencev1.orf.at/news/56047.html

Wagener, U. (2000). Fühlen, tasten, begreifen. Berührung als Wahrnehmung und Kommunikation. Oldenburg: bis, Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg