Sex Toys sind inzwischen Teil sexueller Intimität mit sich selbst und mit dem*der Partner*in geworden. Ist der Gebrauch von Sex Toys jedoch immer nur positiv zu bejahen? Die Sexualwissenschaft hat sich diese Frage gestellt: Sind Sex Toys harmlos? Sollte man mit Vorsicht damit umgehen? Gibt es verborgene Risiken, die kaum erwähnt werden?

In diesem Artikel werden die Pros und Contras von Sex Toys unter die Lupe genommen. Dabei habe ich verschiedene Studien berücksichtigt. Diese wurden allerdings zum großen Teil von den Hersteller*innen von Sex Toys finanziert, was die Objektivität der Ergebnisse zweifeln lässt. (Info dazu in der Fußnote weiter unten).

></p> <p> </p> <h2>Was sagen die Studien?</h2> <p>Die wissenschaftlichen Untersuchungen und Tests zu den Pros und Contras von Sex Toys zeigen ein zweigeteiltes Bild: Sie bieten zwar eine Ergänzung für das Lustempfinden in der Intimität, bergen jedoch einige Risiken, womit man mit Vorsicht umgehen sollte. In den folgenden Abschnitten beschreibe ich detaillierter die Pros und Contras beim Gebrauch von Sex Toys.<br /> Wissenschaftliche Studien und medizinische Untersuchungen zeigen, dass die Nutzung von Sex Toys weit über das reine Vergnügen hinausgeht und sowohl gesundheitliche Vorteile als auch spezifische Risiken birgt. Hier sind die wichtigsten wissenschaftlichen und testbasierten Erkenntnisse zusammengefasst.</p> <p> </p> <h2>Pros und Contras</h2> <p><span style=Ja, Sex Toys haben positive Effekte. Hier die Pros von Sex Toys:

Mehr Frauen sind in der Lage, durch Sex Toys zum Höhepunkt zu kommen. Wenn man dabei die Orgasmusgap zwischen Männern und Frauen bedenkt (65% der Frauen erreichen in Heterobeziehungen den Höhepunkt, während 95% der Männer dieses Ziel erreichen), ist dies – allerdings rein numerisch – sicherlich ein positives Ergebnis.
Studien weisen darauf hin, dass Frauen, die regelmäßig Vibratoren nutzen, über eine höhere sexuelle Erregbarkeit, eine bessere Lubrikation und eine gesteigerte Orgasmusfähigkeit berichten.

Darüber hinaus können die durch Vibrationen ausgelösten Muskelkontraktionen zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur beitragen, was bei Inkontinenz oder zur Rückbildung nach Geburten sowie bei Schmerzen beim Sex hilfreich sein kann.  Was die Linderung für die genannten Störungsbilder angeht, würde ich allerdings eindeutig  ein gezieltes Beckenbodentraining empfehlen. Ausserdem sei erwähnt, dass für die Behandlung von Schmerzen beim Sex (Dyspareunie/Vulvodynie/Blasenentzündung/Endometriose etc.)  spezifische sexualtherapeutische Interventionen neben ärtzlicher Begleitung die geeignete Behandlung darstellen.

Das Erreichen des Orgasmus reduziert und erhöht das Wohlbefinden, das ist inzwischen bekannt. In diesem Sinne kann der Gebrauch von Sex Toys das gesamte Wohlgefühl in der Intimität erhöhen.

Es gibt jedoch auch gesundheitliche Risiken. Hier die Contras von Sex Toys:

Tests von Stiftung Warentest und anderen Verbraucherorganisationen haben wiederholt besorgniserregende Substanzen in vielen Sex Toys gefunden.
Krebserregende Zutaten wie die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) sowie Phthalate (Weichmacher, die die Fruchtbarkeit beeinträchtigen können) wurden in den Materialien (insbesondere bei günstigen Kunststoffen) nachgewiesen.

Einige Produkte verlieren durch Abnutzung Mikroplastik, was ein potenzielles Gesundheitsrisiko im Intimbereich darstellt.

Bei der Nutzung, insbesondere bei wechselnden Partner*innen, können Erreger übertragen werden, wenn die Sex Toys nicht ordnungsgemäß gereinigt werden (Risiko für Pilzinfektionen oder STIs).

 

Nutzungstrends in der Gesellschaft

Die Akzeptanz und Verbreitung von Sexspielzeug hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Großformatige Werbung ist überall zu sehen. Blogs und Zeitschriften berichten darüber. Die gezielten Marketingstrategien der Hersteller*innen von Sex Toys haben zu einem starken Marktwachstum geführt: Die Branche verzeichnete insbesondere während der Pandemie Wachstumsraten von bis zu 40 %. Die wirtschaftlichen Interessen hinter diesem Produkt sind nicht zu verschweigen.

 

Versteckte und unbeachtete Risiken und Konsequenzen

Die Sorge um eine dauerhafte Abstumpfung oder „Vibrator-Abhängigkeit“ ist ein häufiges Thema in der Sexualforschung. In meiner Praxis kommen viele Menschen, darunter häufiger Frauen, die regelmäßig bis ausschließlich Gebrauch von Sex Toys machen und einige negative Tendenzen in ihrer Paarsexualität feststellen.

 

1) Frauen berichten über ein Gefühl der „Sättigung“ und Taubheit

Durch den Gebrauch von Vibrationen werden bestimmte Rezeptoren in der Haut angesprochen. Bei Vibrationen werden vor allem die Vater-Pacini-Körperchen aktiviert, die auf hochfrequente Vibrationen reagieren. Diese funktionieren wie ein Filter. Wenn sie über einen längeren Zeitraum einem konstanten Reiz ausgesetzt sind, senden sie weniger Signale an das Gehirn. D.h.: Man fühlt sich kurzzeitig „taub“.
Dieser Effekt ist zwar – nach einer Pause von wenigen Minuten bis zu zwei Stunden – vorübergehend. In den intimen Momenten mit dem*der Partner*in kann dieser Zustand allerdings für Irritationen sorgen.

 

2) Das Gefühl ist anders bei Erregung durch den Vibrator

Wie bereits gesagt, aktivieren Sex Toys nur bestimmte Rezeptoren, die auf Vibration reagieren und vermitteln die taktilen Informationen durch schnelle Nervenbahnen an spezielle Hirnareale, die für die Unterscheidung von Reizen zuständig sind (hier wird entschieden, ob der Reiz gefährlich oder harmlos sei).
Ganz andere Rezeptoren, Nervenbahnen und Hirnareale erreichen hingegen menschliche – manuelle oder orale – Berührungen. Diese aktivieren primär die Meissner-Körperchen (für leichten Druck) und die sogenannten CT-Fasern. Letztere sind „Lust-Nerven“, die speziell auf langsame, warme Berührungen (ca. 1–10 cm pro Sekunde) reagieren und direkt mit dem emotionalen Belohnungszentrum im Gehirn verknüpft sind. Es sind speziell diese Berührungen, die unser emotionales Wohlgefühl aktivieren können. Das können Vibratoren leider nicht.

 

3) Die Liebkosungen des*der Partner*in fühlen sich nicht besonders erregend an

Frauen, die fast ausschließlich mit Sex Toys sexuell aktiv sind, berichten über eine starke Desensibilisierung gegenüber der Stimulation durch den*die Partner*in.
Was oft als „Desensibilisierung“ wahrgenommen wird, ist meist ein Lerneffekt des Gehirns: Wenn man sich an die sehr intensive, punktgenaue Stimulation eines High-Tech-Vibrators gewöhnt, kann sich die „manuelle“ Stimulation durch eine*n Partner*in oder die eigene Hand im Vergleich dazu erst einmal „zu leise“ oder unzureichend anfühlen. Das Gehirn priorisiert den stärksten Reiz. Das passiert vor allem dann, wenn man fast ausschließlich Vibrationen benutzt.

Diese Desensibilisierung nach Gebrauch von Sex Toys lässt sich neurophysiologisch so erklären: die Vibrationsreize sind sehr intensiv und zielgerichtet. Sie erzeugen eine massive Entladung der Pacini-Körperchen während der Vibration, wodurch sich die Reizschwelle kurzfristig nach oben verschiebt.
Die deutlich sanfteren Signale der CT-Fasern durch manuelle oder orale Stimulation werden danach vom Gehirn kaum noch registriert.

Darüber hinaus führt Vibration zu einer schnelleren und intensiveren lokalen Durchblutung als manuelle Stimulation. Während dies die Erregung schnell steigert, kann es bei exzessiver Nutzung dazu führen, dass das Gewebe leicht anschwillt, was die feine Oberflächensensibilität für sanfte orale Reize mechanisch kurzzeitig dämpft.

 

4) Unterschiedliche Intensität und Bedeutung

Menschliche Berührungen haben eine höhere Relevanz und Bedeutung, die von Sex Toys nicht ersetzt werden kann. In fMRT-Studien wurde untersucht, wie das Gehirn auf Streicheln im Vergleich zu Vibration reagiert:
Manuelle oder orale Stimulation löst signifikant höhere neuronale Antworten (BOLD-Signale) in den primären somatosensorischen Arealen des Gehirns aus als rein mechanische Vibration. Das Gehirn bewertet die menschliche Berührung als „relevanter“. Vibration wird vom Gehirn schneller als „Hintergrundrauschen“ eingestuft, was zu einer schnelleren Gewöhnung führt.

 

5) Was sagen die Partner*innen?

Auch die Partner*innen von Frauen, die fast ausschließlich Vibratoren benutzen, sind nicht immer glücklich darüber. Die andere Person fühlt sich oft nicht wirklich als Teil des Geschehens und bedauert die Tatsache, nicht in der Lage zu sein, der Partnerin durch eigene Aktivität Lust bis zum Höhepunkt zu verschaffen. Das kann durchaus zu partnerschaftlicher Unzufriedenheit führen, wie einige meiner Klient*innen berichten.

 

Fazit

Vibration ist ein „lautes“ Signal für spezialisierte Nerven, während menschliche Berührung ein „komplexes“ Signal für emotionale Lust-Nerven ist. Werden die „lauten“ Nerven überreizt, übertönen sie kurzzeitig die „leisen“ Signale des*der Partner*in. Die Rezeptoren werden kurzzeitig „müde“. Eine echte, physische Desensibilisierung durch normale Nutzung findet nicht statt. Es findet keine biologische „Verstümmelung“ der Nerven statt, aber eine Verschiebung der Reizschwelle. Wer ausschließlich mit starken Vibratoren zum Ziel kommt, „trainiert“ sein Gehirn auf dieses Signalmuster.
Es bleibt die psychologische Gewöhnung, welche dazu führt, dass die Streicheleinheiten des*der Partner*in – oder die eigenen – mit der Zeit nicht mehr erregend wirken. Dies kann zu Konflikten in der Partnerschaft führen.

Aus einer ganzheitlichen sexologischen Perspektive empfiehlt sich der Weg der verkörperten Sinnlichkeit und der Erweiterung des eigenen sexuellen Potenzials vor allem ohne den Gebrauch von Sex Toys. Sex Toys führen zwar zielgerichtet und effizient zum Höhepunkt, vernachlässigen jedoch wichtige Aspekte menschlicher Sexualität und führen zur Vermeidung wichtiger Lernschritte zur Entfaltung des eigenen sexuellen Potenzials.
Diese Lernschritte zur Entfaltung des eigenen sexuellen Potenzials lassen sich allerdings nicht als Produkt monetisieren, darum sind diese Entwicklungsschritte für Unternehmen wirtschaftlich weniger interessant, weil sie kein Profit bringen. Ein gutes Buch dazu, ein Podcast oder Ähnliches kann gute Anregungen dazu liefern, die ohne Weiteres – und vor allem ohne Nebenwirkungen – umgesetzt werden können.

Zum Schluss: Als Sexualtherapeutin empfehle ich meinen Klientinnen grundsätzlich den Gebrauch von Sex Toys nicht, vor allem dann nicht, wenn Probleme wie Schmerzen beim Sex oder Orgasmusschwierigkeit bestehen.
Es gibt dafür empirisch erprobte, sexologische Methoden, die speziell dafür entwickelt wurden. Diese entfalten die Genussfähigkeit mit sich selbst und mit anderen Menschen, sie bergen keinerlei Risiken und ermöglichen ein ganzheitliches, erfüllendes und befriedigendes sexuelles Erleben mit sich selbst und/oder mit dem*der Partner*in, ohne Desensibilisierungseffekt. Gegen den gelegentlichen, nicht ausschließlichen Gebrauch eines Vibratos als Ergänzung zur manuellen/oralen Stimulation, statt ihn für ein zielgerichtetes Finale einzusetzen, ist nichts einzuwenden, solange man die Qualität des Produktes und die hygienischen Maßnahmen beachtet.

 

Einige Quellen

THE INSIGHT PARTNER:
https://www.theinsightpartners.com/de/reports/sex-toys-market

RESEARCHGATE.NET
https://www.researchgate.net/publication/261960449_Let_me_grab_this_A_comparison_of_EMS_and_vibration_for_haptic_feedback_in_free-hand_interaction#:~:text=Effects of Haptic Feedback,) object, such as resis-

BOOZYSHOP
https://www.boozyshop.de/blogs/blog/was-ist-ein-satisfyer-und-warum-solltest-du-ihn-in-deinem-nachttisch-haben

ZENTRUM DER GESUNDHEIT
https://www.zentrum-der-gesundheit.de/bibliothek/partnerschaft-familie/sexualitaet/vibrator
SPRINGERMEDIZIN
https://www.springermedizin.at/sextoys-ein-thema-von-medizinischer-relevanz/16565034#:~:text=„Urgency“: Ursachen, Diagnostik und Therapie * Open Access. * MKÖ
WOMAN HEALTH
https://love.womenshealth.de/sex/vibratoren-im-vergleich/
SÜDDEUTSCHE
https://www.sueddeutsche.de/magazin/frauen/womanizer-vibrator-orgasmus-frauen-szm.86729?reduced=true
HEIMATKRANKENKASSE.DE
https://www.heimat-krankenkasse.de/ratgeber/gesundheit/sechs-gruende-warum-sex-gesund-und-gluecklich-macht/
STIFTUNG WAHRENTEST
https://www.spiegel.de/gesundheit/sex/sexspielzeug-stiftung-warentest-findet-schadstoffe-in-vibratoren-a-1250675.html
SWR
https://www.swr.de/swrkultur/wissen/geil-aber-ungesund-dildos-verlieren-mikroplastik-100.html#:~:text=Habt ihr auch Nerd-Facts und schlechte Witze für uns?
SEXUOLOGIE
https://www.sexuologie-info.de/artikel/2022.12.3.pdf#:~:text=Sensorische Nervenendigungen – der Schlüssel zur weiblichen,ist schon seit langem bekannt, dass di
RESEARCHGATE.NET
https://www.researchgate.net/publication/7194292_Effects_of_vibratory_stimulation_on_sexual_response_in_women_with_spinal_cord_injury
PUB MED
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC4540472/#:~:text=Conclusion,of BA 2 is desired.

 

Fußnote

Der globale Markt für Sexspielzeug wird bis 2034 voraussichtlich ein Volumen von 89,79 Milliarden US-Dollar erreichen, gegenüber 45,29 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025. Wissenschaftliche Studien zu Sexspielzeugen werden aus drei Hauptquellen finanziert, wobei die Motivation der Geldgeber die jeweilige Fragestellung (Vorteile vs. Risiken) stark beeinflusst:

  • Finanzierung durch Hersteller*innen (Fokus: Nutzen & Innovation). Marken wie Womanizer haben eigene Initiativen wie den „Pleasure Fund“ ins Leben gerufen, der über mehrere Jahre Forschung zu weiblicher sexueller Gesundheit und Vergnügen finanziert. Bekannte Hersteller wie Church & Dwight (Trojan) finanzieren oft Studien an renommierten Instituten (z.B. Indiana University), um den Zusammenhang zwischen Toy-Nutzung und Lebensqualität zu untersuchen. Die Lovehoney Group beteiligte sich finanziell an der Entwicklung des ersten internationalen ISO-Sicherheitsstandards für Sex Toys.
  • Öffentliche Mittel & unabhängige Institute (Fokus: Gesundheit & Risiken): Studien zu Schadstoffen oder allgemeinen gesellschaftlichen Trends werden meist unabhängig von der Industrie finanziert.
  • Investoren & Marktforschung (Fokus: Wirtschaftliche Trends). Da der Markt für „Sexual Wellness“ bis 2035 auf Milliardenhöhe geschätzt wird, finanzieren auch Venture-Capital-Geber und Marktforschungsunternehmen wie Technavio oder Straits Research Analysen zu Nutzertrends und technologischer Innovation (z.B. KI in Toys).