"‚Mein Partner schaut Pornos. Bedeutet das, dass ich ihm nicht genüge?‘

Diese oder ähnliche Fragen höre ich in meiner Praxis immer wieder. Kaum ein Thema wird so kontrovers diskutiert wie Pornografie. Für die einen ist sie ein Risiko für die Beziehung, für die anderen eine Ressource für eine erfüllte Sexualität. Doch was sagt die Wissenschaft tatsächlich?

Die Antwort überrascht viele: Es kommt darauf an.

Die Forschung zeigt weder, dass Pornografie Beziehungen grundsätzlich schädigt, noch dass sie ihnen grundsätzlich nützt. Entscheidend sind vielmehr Faktoren wie die Intensität des Konsums, der offene oder heimliche Umgang damit, die Einstellung beider Partner*innen sowie die Frage, ob Pornografie gemeinsam oder allein konsumiert wird.

Wann kann Pornografie problematisch werden?

Mehrere Längsschnittstudien zeigen, dass negative Auswirkungen insbesondere dann auftreten, wenn

  • Pornografie heimlich konsumiert wird,
  • der Konsum zu wiederkehrenden Konflikten führt,
  • unrealistische sexuelle Erwartungen entstehen,
  • Pornografie zunehmend den realen sexuellen Kontakt ersetzt oder
  • eine Person den Konsum als Vertrauensbruch erlebt.

 

Umgekehrt zeigen Studien auch neutrale oder sogar positive Zusammenhänge, wenn

  • beide Partner*innen Pornografie akzeptieren,
  • sie gemeinsam genutzt wird,
  • offen darüber gesprochen wird und
  • sie keine Ersatzfunktion für Intimität übernimmt.

 

Unter welchen Bedingungen wird Pornografie zu einer Ressource – und unter welchen zu einem Risiko?

Im Folgenden betrachten wir sowohl mögliche Chancen als auch Risiken von Pornografie im Hinblick auf unterschiedliche Aspekte einer Partnerschaft. Dabei sollen einige zentrale Fragen zur Selbstreflexion anregen.

Kann Pornografie eine Ressource sein?

Wenn wir Sexualität – wie Jean-Yves Desjardins, der Begründer des Sexocorporel-Ansatzes, sie beschreibt – als einen körperlich-emotionalen Prozess der Selbstregulation verstehen, lässt sich diese Frage durchaus bejahen.

Aus dieser Perspektive ist Pornografie zunächst weder pathologisch noch grundsätzlich schädlich, sondern eine Form sexueller Stimulation.

Die entscheidenden Fragen lauten vielmehr:

  • Welche Funktion erfüllt Pornografie?
  • Welche körperlichen Erregungsmuster werden dabei aufgebaut?
  • Unterstützt sie Begegnung oder ersetzt sie diese?
  • Fördert sie Selbstregulation oder dient sie der Kompensation ungelöster Defizite?

Unter Erregungsmuster versteht das Sexocorporel die Art und Weise, wie ein Mensch bei der sexuellen Selbststimulation die körperlichen Ressourcen – insbesondere Bewegung, Atmung, Rhythmus und Körperspannung – nutzt, um Erregung aufzubauen und zu steuern. 

Körperorientiert betrachtet lautet die Kernfrage nicht nur, woran jemand sexuelle Erregung entwickelt, sondern auch wie der Körper gelernt hat, Erregung aufzubauen.

Aus einer körperorientierten Perspektive kann Pornografie problematisch werden, wenn sie zu einer Einschränkung der sexuellen Stimulation führt. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn sexuelle Erregung überwiegend nach einem mechanischen, druckvollen Muster mit wenig Variation aufgebaut wird oder wenn sich die sensorische Stimulation fast ausschließlich auf visuelle Reize konzentriert und andere Sinne zunehmend in den Hintergrund treten. 

In Mainstream-Pornodarstellungen wird häufig genau dieses Erregungsmuster gezeigt. Das kann dazu führen, dass insbesondere junge Menschen dieses mechanische und auf Druck und hoher Körperspannung basierte Muster übernehmen.

Wenn sexuelle Erregung über Jahre fast ausschließlich mit visuellen Reizen, bestimmten Fantasien oder einem immer gleichen Stimulationsmuster verbunden wird, kann es schwieriger werden, dieselbe Intensität in einer realen Begegnung zu erleben.

Die gute Nachricht ist, dass unser Gehirn plastisch und damit ein Leben lang lernfähig ist. Neue Körpererfahrungen, achtsame Berührung und eine größere Vielfalt sensorischer Reize können dazu beitragen, das sexuelle Erregungsmuster zu erweitern und dadurch flexibler, weniger störanfälligund partner-kompatibler werden zu lassen.

Besonders problematisch wird es, wenn Pornografie und Selbstbefriedigung den gemeinsamen sexuellen Kontakt innerhalb der Beziehung zunehmend ersetzen.

Umgekehrt kann Pornografie jedoch auch die Fantasie erweitern, sexuelle Neugier fördern und die erotische Kommunikation zwischen Partner*innen bereichern – insbesondere dann, wenn sie gemeinsam genutzt wird.

Die vielleicht wichtigste Frage lautet daher:

Wie beeinflusst Pornografie die Fähigkeit des Körpers, Lust gemeinsam mit einem realen Menschen zu erleben?

 

Sexualität, Bindungsmuster und Pornografie

Die Forschung zeigt immer deutlicher, dass nicht der Pornografiekonsum allein darüber entscheidet, ob eine Beziehung belastet wird. Ein entscheidender Faktor scheint vielmehr der individuelle Bindungsstil zu sein.

Mehrere Studien zeigen, dass Pornografiekonsum bei sicher gebundenen Menschen kaum Einfluss auf die sexuelle und partnerschaftliche Zufriedenheit hat. Für sie bleibt Pornografie – sofern sie überhaupt genutzt wird – eine sexuelle Aktivität unter vielen und erhält keine übermäßige Bedeutung für die Beziehung.

Pornografie und ängstliche Bindung

Menschen mit einem ängstlichen Bindungsstil erleben Pornografie des*der Partner*in häufiger als Konkurrenz, Zurückweisung oder emotionale Bedrohung.

Sie neigen dazu, den Pornografiekonsum stärker auf sich selbst zu beziehen und ihn als Konkurrenz und als Zeichen mangelnder Attraktivität oder fehlender Liebe zu interpretieren. Dies kann Gefühle von Eifersucht, Verlustangst und Kontrollbedürfnis verstärken und bestehende Unsicherheiten innerhalb der Beziehung weiter intensivieren.

Pornografie und vermeidende Bindung

Für Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil kann Pornografie eine Form der emotionalen Selbstregulation darstellen.

Das Bedürfnis nach Autonomie und emotionaler Distanz ist bei diesem Bindungsmuster häufig besonders ausgeprägt. Nähe wird teilweise als Einschränkung oder sogar als Bedrohung erlebt. Pornografie und Selbstbefriedigung ermöglichen sexuelle Befriedigung, ohne sich emotional öffnen oder verletzlich zeigen zu müssen.

Aus bindungstheoretischer Sicht wird Pornografie damit nicht primär genutzt, um Lust zu erleben, sondern um Nähe und Distanz zu regulieren.

 

Kann Pornografie dazu beitragen, Differenzierung zu vermeiden?

Um diese Frage beantworten zu können, lohnt sich zunächst ein Blick auf das Konzept der Differenzierung.

Der amerikanische Paartherapeut David Schnarch beschreibt Differenzierung als die Fähigkeit, in einer engen Beziehung sich selbst treu zu bleiben. Es geht darum, die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und Werte vertreten zu können, ohne sich von der Zustimmung oder Ablehnung des*der Partner*in abhängig zu machen.

Menschen mit einem hohen Maß an Differenzierung können Nähe zulassen, ohne sich selbst zu verlieren, und Konflikte aushalten, ohne sich zurückzuziehen oder den*die Partner*in kontrollieren zu müssen.

Vor diesem Hintergrund kann Pornografie unterschiedliche Funktionen erfüllen.

Nach Schnarch kann sie beispielsweise dazu dienen, mögliche Ablehnung zu vermeiden. Wer sich nicht traut, sexuelle Wünsche oder Fantasien in der Partnerschaft anzusprechen, lebt sie möglicherweise ausschließlich über den heimlichen Gebrauch von Pornografie aus. Ebenso kann Pornografie dazu genutzt werden, Intimität zu vermeiden und sich nicht mit den eigenen Bedürfnissen oder der eigenen Verletzlichkeit zeigen zu müssen.

Pornografie wird dann zu einer Strategie, emotionale Nähe auf Distanz zu halten.

Auf der anderen Seite kann eine hoch differenzierte Person Pornografie konsumieren, ohne dass diese zum Geheimnis wird oder die gemeinsame Sexualität ersetzt. Entscheidend ist nicht der Konsum selbst, sondern seine Bedeutung innerhalb der Beziehung.

Sexualität bleibt in diesem Fall ein lebendiger Dialog, der von Offenheit, gegenseitigem Respekt und emotionaler Verbundenheit geprägt ist.

Was sagt die aktuelle Forschung?

Auch die neuere Forschung bewegt sich zunehmend in diese Richtung. Die zentrale Erkenntnis der aktuellen Forschung lautet:

Nicht die Pornografie allein entscheidet darüber, ob sie einer Beziehung schadet, sondern die Art und Weise, wie sie in die Dynamik der Partnerschaft eingebettet ist.

 

Fazit

Als Sexualtherapeutin begegne ich in meiner Praxis immer wieder Menschen, die von sich behaupten, pornosüchtig zu sein und dadurch ihre Beziehung zu gefährden.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch häufig, dass nicht allein die Menge des Konsums entscheidend ist. Vielmehr stellt sich die Frage, welche Funktion Pornografie im Leben der betreffenden Person erfüllt.

Genau an diesem Punkt wird deutlich, wie komplex das Thema ist. Auch die Frage, ob ein stärkerer Gebrauch von pornografischem Material tatsächlich als eine suchtartige Problematik zu diagnostizieren wäre oder vielmehr Ausdruck einer ausgeprägten sexuellen Motivation ist, ist nicht immer eindeutig zu beantworten. Die sexualwissenschaftliche Diskussion hierzu ist bis heute nicht abgeschlossen.

In der therapeutischen Arbeit ist deshalb meist ein längerer Prozess notwendig, um die unterschiedlichen Ebenen des Konsums zu verstehen. Dabei geht es nicht nur um das sexuelle Verhalten selbst, sondern ebenso um emotionale, körperliche und partnerschaftliche Zusammenhänge.

Aus meiner Praxiserfahrung zeigt sich immer wieder, dass viele Betroffene in einen Kreislauf geraten, den sie allein nur schwer durchbrechen können. Pornografie kann dann zunehmend zu einer Strategie werden, unangenehme Gefühle zu regulieren.

Häufig stehen hinter einem intensiven Konsum nicht in erster Linie eine besonders ausgeprägte Libido oder ein übermäßiges sexuelles Verlangen, sondern Gefühle wie Leere, Langeweile, Stress, Einsamkeit, Frustration oder Überforderung.

Pornografie wird in diesen Fällen zu einer leicht verfügbaren Möglichkeit, sich kurzfristig zu beruhigen oder unangenehme Emotionen auszublenden. Das Problem besteht darin, dass diese Form der Regulation die eigentlichen Ursachen meist nicht verändert. Dadurch entsteht häufig ein Kreislauf, in dem der Konsum zwar kurzfristig Entlastung verschafft, langfristig jedoch Schuldgefühle, Scham, Partnerschaftskonflikte oder das Gefühl von Kontrollverlust verstärken kann.

Die therapeutische Arbeit richtet sich deshalb nicht ausschließlich auf die Reduzierung des Pornografiekonsums. Entscheidend ist vielmehr, gemeinsam zu verstehen, welche Bedürfnisse dahinterstehen und welche alternativen Möglichkeiten der Selbstregulation entwickelt werden können.

Ebenso wichtig ist die Frage, wie Sexualität wieder als etwas erlebt werden kann, das nicht nur der Spannungsregulation dient, sondern auch Verbundenheit, Begegnung und Lebendigkeit ermöglicht.

Vielleicht ist deshalb nicht die wichtigste Frage:

„Ist Pornografie gut oder schlecht?"

Sondern vielmehr:

„Welche Rolle spielt Pornografie in meinem Leben – und unterstützt sie die Beziehung zu mir selbst und zu meinem Gegenüber oder erschwert sie sie?"

 

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Ein kurzer Selbsttest

Die folgenden Fragen stellen keinen wissenschaftlich validierten Test und ersetzen keine professionelle Diagnostik. Sie können jedoch dabei helfen, das eigene Verhalten kritisch zu reflektieren.

Je häufiger Du mehrere Fragen mit „Ja" beantwortest und je stärker dadurch Dein Alltag oder Deine Beziehung beeinträchtigt werden, desto sinnvoller kann es sein, das Thema genauer zu betrachten oder professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

  • Hat sich Dein*e Partner*in bereits über Dein sexuelles Verhalten oder Deinen Pornografiekonsum beschwert?
  • Fällt es Dir schwer, Deinen Pornografiekonsum zu reduzieren oder zu unterbrechen, obwohl Du weißt, dass er Deiner Beziehung oder Deinem Wohlbefinden schadet?
  • Hast Du bereits mehrfach versucht, Dein Verhalten zu verändern, ohne langfristig Erfolg zu haben?
  • Verheimlichst Du Deinen Pornografiekonsum oder schämst Du Dich dafür?
  • Benötigst Du zunehmend intensivere oder neue pornografische Inhalte, um das gleiche Erregungsniveau zu erreichen?
  • Stellst Du fest, dass Deine sexuellen Fantasien oder Vorlieben sich zunehmend von Deinen eigenen Werten oder Deinem Selbstbild entfernen?
  • Bringst Du Dich durch den Kauf pornografischer Inhalte in finanzielle Schwierigkeiten?
  • Vernachlässigst Du Hobbys, Freundschaften, Deine Familie oder Deine Arbeit aufgrund Deines Pornografiekonsums?
  • Fällt es Dir schwerer als früher, mit einem realen Menschen sexuelle Erregung oder einen Orgasmus zu erleben?
  • Greifst Du besonders dann auf Pornografie zurück, wenn Du Dich gestresst, einsam, gelangweilt, frustriert oder traurig fühlst?

 

Wenn Du mehrere dieser Fragen bejahst und den Eindruck hast, dass Pornografie zunehmend die Kontrolle über Dein Leben übernimmt, kann ein sexualtherapeutisches Gespräch helfen, die Hintergründe besser zu verstehen und neue Wege im Umgang mit Stress, Gefühlen und Sexualität zu entwickeln.

 

Grenzen der wissenschaftlichen Forschung

Die Forschung zu diesem Thema weist jedoch einige wichtige Einschränkungen auf.

Häufig lässt sich nicht eindeutig beantworten, ob Pornografie zu einer geringeren Beziehungszufriedenheit führt oder ob Menschen, die bereits unzufrieden sind, häufiger Pornografie konsumieren. Die gemessenen Zusammenhänge fallen zudem meist relativ klein aus. Auch moralische Überzeugungen und Religiosität beeinflussen die Ergebnisse teilweise erheblich. Hinzu kommt, dass der Begriff Pornografie sehr unterschiedliche Inhalte und Nutzungsformen umfasst, die in vielen Studien nur unzureichend voneinander unterschieden werden.

 

Quellen

Verschiedene Fachbücher über Sexocorporel, David Schnarch, Bindungstheorie.

Wright, Tokunaga, Kraus & Klann (2017) Pornography Consumption and Satisfaction: A Meta-Analysis Human Communication Research Die bislang bekannteste Metaanalyse zu diesem Thema wertete 50 Studien mit über 50.000 Personen aus.)

Willoughby, Leonhardt & Augustus (2021) Curvilinear Associations Between Pornography Use and Relationship Satisfaction, Sexual Satisfaction, and Relationship Stability, Computers in Human Behavior. Große US-Studie mit 3.750 Personen in festen Beziehungen.)