Es passiert immer wieder. Wenn ich erzähle nach welcher Hauptmethode ich arbeite, fragt mich mein Gegenüber: "Was ist Sexocorporel?"

L'Approche Sexocorporel ist ein sexualtherapeutischer Ansatz, der ursprünglich aus Kanada stammt und sich in den letzten Jahren zunehmend auch im deutschsprachigen Raum etabliert hat. In diesem Blogartikel erkläre ich kurz und verständlich, worum es beim Sexocorporel geht.

Sexocorporel ist einer der fundiertesten und gleichzeitig praxisnahesten Ansätze der modernen Sexualwissenschaft.  Er verbindet Wissen über Körper, Psyche (Gedanken und Gefühle) und Beziehung, um das sexuelle Erleben und Verhalten des Menschen besser zu verstehen. Er erklärt, wie diese verschiedenen Dimensionen miteinander interagieren und vor allem, wie der Sex tatsächlich funktioniert.

Was bedeutet Sexocorporel?

Der Begriff setzt sich aus den französischen Wörtern „Sexo“ (Sexualität) und „Corporel“ (körperlich) zusammen. Bereits der Name macht deutlich, worum es geht: Sexualität findet nicht nur im Kopf statt – sondern immer auch im Körper.

Sexocorporel geht davon aus, dass sexuelles Erleben und Verhalten aus dem Zusammenspiel verschiedener Ebenen entsteht und bietet ein gesamtes Erklärungsmodell an, das uns ermöglicht, in die Komplexität menschlicher Sexualität einzutauchen, ohne die Orientierung zu verlieren. Vor allem zeigt dieses Modell all die möglichen Ursachen verschiedener sexueller Problematiken und bietet zusätzlich gezielte körperorientierte Lösungsansätze. 

Das Modell:

  • Beschreibt die reine körperliche Dimension und erklärt die Bedeutung der Erregungsfunktion und der angelernten Erregungsmodalität. 
  • Hinterfragt auf der mentalen Ebene Gedanken und Bewertungen, Ideale und Glaubenssätze.
  • Schaut Emotionen und Gefühle: Lust bis Frust, Freude und Scham, sowie Fantasien, Wünsche und Bedürfnisse
  • Betrachtet die individuellen Beziehungserfahrungen, die erotische Kommunikation und das jeweilige sexuelle Know-How der Partner*innen

Alle diese Bereiche beeinflussen sich gegenseitig – wie die Elemente eines Mobiles. Wird ein Teil bewegt, geraten auch alle anderen in Bewegung.

 

Wie entstand Sexocorporel?

Der Ansatz wurde in den 1980er-Jahren vom kanadischen Sexualwissenschaftler Jean-Yves Desjardins entwickelt. Seine zentrale Beobachtung war bemerkenswert:

Menschen unterscheiden sich nicht nur darin, was sie sexuell mögen, sondern vor allem darin, wie sie ihren Körper während der Sexualität einsetzen. Wie sie ihren Körper ›bewohnen‹. Schließlich, wie sie gelernt haben, sexuelle Erregung auszulösen und steigen zu lassen und diese beim Orgasmus zu entladen.

Genau dieses „Wie“ entscheidet häufig darüber,

  • wie intensiv Lust erlebt wird,
  • ob Erregung aufgebaut werden kann,
  • ob ein Orgasmus möglich ist,
  • ob Sexualität als erfüllend erlebt wird.

Damit rückte erstmals der Körper selbst in den Mittelpunkt sexualtherapeutischer Arbeit. Der Körper wird nicht auf der Suche nach Pathologien untersucht. Viel mehr werden seine innewohnenden Ressourcen betrachtet: Bewegung, Atmung, Rhythmus und Körperspannung.

Die angelernte Erregungsmodalität

Das Zusammenspiel dieser vier Ressourcen ergibt die individuelle angelernte Erregungsmodalität, zunächst in der Selbstbefriedigung, später in der partnerschaftlichen Sexualität. Man könnte sagen: Sie ist der persönliche „Fingerabdruck" unserer sexuellen Erregung – also die Art und Weise, wie wir gelernt haben, sexuelle Erregung aufzubauen und Lust zu erleben.

Diese variiert vom einer Modalität, bei der die körperlichen Ressourcen eher eingeschränkt genutzt werden, zum Beispiel: es werden dabei nur wenige sich mechanisch wiederholenden Bewegungen eingesetzt, der Rhythmus der Stimulation ist gleichbleibend und die Körperspannung meist hoch. Zu einer Modalität, bei der eine größere Variabilität möglich ist: Verschiedene Bewegungen und Berührungsqualitäten in der Stimulation, ein Spiel mit den Rhythmen und ein fließender Wechseln von Spannungsintensitäten. 

Was fand Desjardin heraus?

Desjardins beobachtete, dass es bei Menschen mit sexuellen Funktionsstörungen meist eine eingeschränkte Nutzung des körperlichen Potenzials mit seinen Ressourcen vorlag. Um diesem Zustand entgegenzuwirken entwickelte er eine Reihe von Körperwahrnehmungsübungen, wodurch die Menschen ihre Erregungsmodalität erweitern und die ursprünglichen sexuellen Schwierigkeiten überwinden konnten.

 

Sexualität ist lernbar

Eine der schönsten Grundannahmen des Sexocorporel lautet: Sexualität ist keine feste Eigenschaft – sie ist ein lebenslanger Lernprozess, damit modifizierbar.

Viele Menschen behaupten von sich: „Ich habe eben wenig Lust.“„Ich bin einfach nicht orgasmisch.“ Oder „So bin ich eben.“

Für Sexocorporel sieht es anders aus. Sexuelles Erleben entsteht durch Erfahrungen, Lernprozesse und körperliche Gewohnheiten. 

Was gelernt wurde, kann sich auch verändern. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch gleich wird. Aber fast jeder Mensch kann neue Möglichkeiten entdecken.

 

Der Körper ist kein Nebendarsteller

In vielen Gesprächstherapien wird vor allem über Gefühle, Gedanken oder Beziehungsmuster gesprochen. Das ist und bleibt wichtig. Doch manchmal reicht Reden allein nicht aus. Denn Sexualität geschieht über den Körper und deshalb ist wichtig zu schauen, wie dieser Mensch mit seinem Körper in der Sexualität tatsächlich umgeht:

  • Wie atme ich?
  • Wie bewege ich mein Becken?
  • Wie hoch ist meine Muskelspannung?
  • Wie nehme ich Berührung wahr?
  • Kann ich Erregung überhaupt im Körper entstehen lassen?

Diese Fragen spielen im Sexocorporel eine zentrale Rolle. Je nachdem wie die Antwort ausfällt, werden gezielte Übungen vorgeschlagen, um die Wahrnehmung zu vertiefen und das Potenzial des Körpers zu entfalten.

 

Sexuelle Schwierigkeiten sind selten nur psychisch

Viele Menschen vermuten hinter sexuellen Problemen sofort psychische Ursachen oder partnerschaftliche Konflikte. Selbstredend spielen oft Stress, Konflikte oder belastende Erfahrungen eine große Rolle. Doch häufig kommen körperliche Faktoren hinzu, wie zum Beispiel:

  • sehr hohe Muskelspannung
  • flache Atmung
  • fehlende Beckenbeweglichkeit
  • automatische eigeschränkte Bewegungsmuster
  • geringe Körperwahrnehmung

Diese Faktoren beeinflussen direkt, wie Erregung und Lust entstehen und erlebt werden.

Das Besondere am Sexocorporel ist, dass genau diese körperlichen Zusammenhänge verständlich erklärt und praktisch verändert werden können.

 

Embodiment – Warum der Körper unser Erleben mitgestaltet

Ein Gedanke, der sich heute auch in der modernen Psychologie und den Neurowissenschaften wiederfindet, ist die sogenannte Embodiment-Theorie. 

Der Begriff Embodiment bedeutet wörtlich übersetzt „Verkörperung“. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass unser Erleben nicht ausschließlich im Gehirn entsteht. Gedanken, Gefühle und Körper beeinflussen sich vielmehr ständig gegenseitig.

 

Die Ressourcen des Körpers im Alltag

Wir kennen das aus dem Alltag: Wer gestresst ist, zieht oft unbewusst die Schultern hoch und atmet flacher (-> Körperliche Ressourcen: Körperspannung und Atem). Wer traurig ist, bewegt sich häufig langsamer und nimmt eine zusammengesunkene Haltung ein (-> Körperliche Ressource: Bewegung). Wer sich sicher und selbstbewusst fühlt, richtet sich meist automatisch auf und atmet freier (Körperliche Ressourcen: Körperspannung, Atmung etc.).

Umgekehrt gilt aber auch: Verändern wir unseren Körper, verändert sich häufig auch unser Erleben. Eine tiefere Atmung, mehr Beweglichkeit oder eine bewusstere Körperwahrnehmung können Einfluss darauf haben, wie wir Gefühle erleben, mit Stress umgehen – und eben auch, wie wir Lust und sexuelle Erregung wahrnehmen.

Interessanterweise finden sich viele Grundannahmen des Sexocorporel heute auch in der modernen Embodiment-Forschung wieder. Obwohl beide Ansätze unabhängig voneinander entstanden sind, kommen sie zu einer ähnlichen Erkenntnis: Körper und Psyche beeinflussen sich kontinuierlich gegenseitig.

 

Embodiment und Sexocorporel

Genau hier berühren sich Embodiment und Sexocorporel.

Während viele therapeutische Ansätze versuchen, über Gedanken oder Gespräche Veränderungen anzustoßen, nutzt Sexocorporel zusätzlich den Körper als Ausgangspunkt. Denn Sexualität ist keine rein mentale Erfahrung. Sie entsteht immer durch das Zusammenspiel von Gehirn, Nervensystem, Atmung, Muskelspannung, Bewegung, Wahrnehmung, Emotionen und Beziehung.

Man könnte sagen, dass Sexocorporel viele Erkenntnisse der heutigen Embodiment-Forschung bereits vorweggenommen hat und sie auf die menschliche Sexualität anwendet.

Der Ansatz zeigt, wie körperliche Gewohnheiten unser sexuelles Erleben und Verhalten prägen – und wie neue Körpererfahrungen neue sexuelle Erfahrungen ermöglichen können.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jede sexuelle Schwierigkeit allein durch den Körper erklärbar und heilbar wäre. Auch Beziehungserfahrungen, Glaubenssätze und Emotionen, Lebensgeschichte oder gesellschaftliche Einflüsse spielen eine wichtige Rolle. Die Stärke des Sexocorporel liegt gerade darin, all diese Ebenen miteinander zu verbinden und den Körper als wichtigen – oft unterschätzten – Teil des Ganzen einzubeziehen.

 

Für wen eignet sich Sexocorporel?

Der Ansatz wird unter anderem eingesetzt bei:

  • Lustlosigkeit
  • Orgasmusschwierigkeiten
  • Erektionsproblemen
  • vorzeitiger oder verzögerter Ejakulation
  • Schmerzen beim Sex
  • Unsicherheiten in der Sexualität
  • sexueller Entwicklung
  • Paarproblemen
  • Fragen rund um Begehren und Intimität

 

Gleichzeitig profitieren auch Menschen ohne konkrete Schwierigkeiten davon. Viele möchten ihre Sexualität einfach bewusster, lebendiger und genussvoller erleben. 

 

Beispiel aus der Praxis

Eine Klientin kommt in die Beratung, weil sie seit Jahren kaum Lust verspürt. Sie vermutet zunächst, der Grund liege ausschließlich in ihrer Psyche. Im Laufe der Beratung zeigt sich jedoch, dass sie während sexueller Erregung fast ununterbrochen die Luft anhält, ihren Körper stark anspannt und ihr Becken kaum bewegt. Erst durch einfache Körperwahrnehmungsübungen bemerkt sie diese Muster überhaupt (Erregungsmodalität). Nach und nach lernt sie, freier zu atmen und ihren Körper differenzierter wahrzunehmen und diesen auch zu bewegen. Dadurch verändert sich nicht nur ihr körperliches Erleben, sondern auch ihr Lustempfinden. Dieses Beispiel zeigt, wie eng Körper und sexuelles Erleben miteinander verbunden sein können.

 

Was passiert in einer Beratung nach Sexocorporel?

In einer Sexualberatung finden keine intime Übungen statt. In einer Beratung bleibt jede*r vollständig bekleidet. Es findet keine sexuelle Handlung und keine körperliche Berührung zwischen Therapeut*in und Klient*in statt.

Stattdessen geht es darum, erst einmal die verschiedenen Faktoren zu identifizieren, die die eigene Sexualität beeinflussen.

  • körperliche Zusammenhänge kennenzulernen,
  • neue Möglichkeiten zu entwickeln,
  • Übungen für zu Hause zu erhalten,
  • Sexualität Schritt für Schritt neu zu entdecken.

 

Warum ich mit Sexocorporel arbeite

Mir gefällt an diesem Ansatz besonders, dass er auf eine nicht pathologisierende Art körperorientiert ist und ein tiefes Verständnis vermittelt dafür, wie körperliche Erregung, Lust und Beziehung zusammenwirken. 

Durch die Körperwahrnehmungsübungen lernen wir unseren Körper besser kennen und entwickeln eine bewußte Beziehung zu ihm, wie ich an dieser Stelle gerne sage: Wir bewohnen unseren Körper oder wir sind dann anwesend in unserem Körper.

Vor allem finde ich gut, dass jede Person dadurch ihr eigenes sexuelles Potenzial besser verstehen und kennenlernen kann.

 

Fazit

Sexocorporel verbindet moderne Sexualwissenschaft mit konkreter körperlicher Erfahrung. Der Ansatz zeigt, dass Sexualität weder ausschließlich biologisch noch ausschließlich psychologisch bedingt ist. Sie entsteht immer aus dem Zusammenspiel von Körper, Emotionen, Gedanken und Beziehung. Gerade deshalb eröffnet Sexocorporel vielen Menschen neue Wege zu mehr Lust, Lebendigkeit und Intimität. Sexualität ist kein unveränderbar Zustand, sondern ein lebenslanger Lern- und Entwicklungsprozess.

 

Quellen

Schriften und Skripte der Ausbildung Sexocorporel in Hamburg.

Zusätzlich Schriften und Skripte aus dem Masterstudium in Sexologie bei der Hochschule Merseburg.

Andere Quellen aus dem Web.