Als ich vor mehr als zehn Jahren begonnen habe, Sexualberatung zu unterrichten, sah die Ausbildungslandschaft noch anders aus. "

Es gab nur wenige Möglichkeiten, sich fundiert mit Sexualberatung für Erwachsene auseinanderzusetzen – und die wenigen Angebote richteten sich vor allem an Psycholog*innen oder Ärzt*innen. Für andere Menschen, die mit Sexualität professionell arbeiten wollten, gab es kaum Möglichkeiten, sich in diesem Bereich fundiert ausbilden zu lassen.

Inzwischen hat sich das verändert. Die Zahl der Aus- und Weiterbildungen ist deutlich gewachsen. Das finde ich grundsätzlich begrüßenswert.

Gleichzeitig stellt sich für mich dadurch eine andere Frage.

Was braucht es eigentlich, um Menschen wirklich kompetent in Fragen der Sexualität begleiten zu können?

Mit dieser Frage beschäftige ich mich gerade wieder sehr intensiv. Zum einen bilde ich mich selbst kontinuierlich weiter und möchte neue Erkenntnisse und Aspekte in meine Ausbildung einfließen lassen. Zum anderen überarbeite ich das Format und entwickle es weiter.

Dabei geht es auch um die Frage, welche Inhalte sich sinnvoll online vermitteln lassen und wann Präsenz wichtig ist. Ich möchte den Teilnehmenden ermöglichen, nur dann anzureisen, wenn die persönliche Begegnung und die gemeinsame Arbeit vor Ort tatsächlich einen Mehrwert bieten.

In diesem Artikel möchte ich beschreiben, was mir bei der Vermittlung sexologischer Grundkenntnisse und sexualberaterischer Fähigkeiten wichtig ist – und was meine Ausbildung ausmacht. Dabei berücksichtige ich auch die aktuell vorliegenden Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung.

Was ich unter Sexualität verstehe

Sexualität wird in unserer Gesellschaft häufig dann zum Thema, wenn etwas nicht funktioniert: wenn die Lust fehlt, Erektionen ausbleiben, Schmerzen entstehen, ein Paar keinen gemeinsamen Rhythmus findet oder ein Mensch mit seinem sexuellen Erleben unzufrieden ist.

Für mich beginnt Sexualberatung jedoch nicht erst bei einer Störung.

Sexualberatung kann auch bedeuten, die eigene Sexualität besser kennenzulernen, Möglichkeiten zu erweitern, Wünsche wahrzunehmen, Grenzen zu erkennen oder neue Formen von Lust und Verbindung zu entdecken.

Darum besuchen einige Menschen meine Ausbildung zunächst aus dem Wunsch nach persönlicher Entwicklung und entwickeln vielleicht erst später die Idee, tatsächlich als Sexualberater*in zu arbeiten.

Sexualität betrachte ich in erster Linie als eine Ressource. Sie ermöglicht uns, ganz unterschiedliche Bedürfnisse zu erfüllen: das Bedürfnis nach Nähe, nach Verbindung, nach Lust und Abenteuer, nach körperlicher Befriedigung und emotionaler Erfüllung und vieles mehr.

Gleichzeitig ist Sexualität ein sehr komplexes Phänomen. Für mich ist sie eine vielschichtige Landschaft, die von ganz unterschiedlichen Faktoren auf verschiedenen Ebenen beeinflusst wird.

Und genau deshalb braucht es Zeit, sich diese Landschaft anzuschauen.

Wenn Sexualität so vielschichtig ist, reicht auch nicht eine einzige Perspektive, um sie zu verstehen. Wir brauchen unterschiedliche Blickwinkel, um uns darin orientieren zu können.

Was kann eine Sexualberatung?

Eine Sexualberatung berücksichtigt diese Komplexität und bietet zunächst einmal einen sicheren Raum: einen Raum, in dem einer Person mit Offenheit, Akzeptanz und Kompetenz begegnet wird.

  • Wir sprechen über Sexualität.
  • Wir stellen Fragen zu Lust, Begehren, Erregung, Orgasmus und Körperwahrnehmung. Wir schauen uns sexuelle Schwierigkeiten an und versuchen, sie einzuordnen.
  • Wir unterstützen Klient*innen dabei, ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen wahrzunehmen und ihre sexuelle Selbstbestimmung zu entwickeln – auf der Grundlage von Körperwahrnehmung, Konsens und Kommunikation.
  • Wir begleiten Paare bei sexuellen Themen und schauen gemeinsam, welche Ressourcen vorhanden sind und welche Möglichkeiten für Veränderung es gibt.
  • Wir können Körper- und Selbstwahrnehmung fördern, indem wir konkrete, sexologische Körper-Spürangebote anbieten.
  • Und wir beschäftigen uns mit den Gefühlen, die rund um Sexualität entstehen können: Scham, Schuld, Unsicherheit, Leistungsdruck oder die Angst, nicht normal zu sein.
  • Auch sexuelle Mythen und Vorstellungen darüber, wie Sexualität angeblich sein sollte, spielen dabei eine Rolle und werden in Frage gestellt.
  • Und natürlich gehört für mich auch dazu, die eigenen Grenzen der Beratung zu kennen: Was kann im Rahmen einer Sexualberatung bearbeitet werden? Und wann braucht es eine andere Fachkompetenz – beispielsweise eine medizinische oder psychotherapeutische?

Nicht pathologisierende Sexualberatung

Von zentraler Bedeutung ist für mich eine nicht pathologisierende Haltung. Ausgehend davon, dass es nicht die eine richtige Sexualität gibt, sondern immer sehr individuelle Formen, Sexualität zu erleben und auszudrücken, geht es nicht darum, Menschen an eine bestimmte Vorstellung von Sexualität anzupassen.

Es geht vielmehr darum, Wissen zu vermitteln und Anregungen zu geben, die eine Person dabei unterstützen können, ihrem eigenen Projekt ein Stück näherzukommen.

Sexuelle Selbstbestimmung  und Vielfalt als zentrale Grundlage

Eine der zentralen Fragen lautet für mich:

„Was bedeutet Sexualität für diesen Menschen – und wie kann er oder sie selbstbestimmt damit umgehen?“

Sexualität darf unterschiedlich aussehen. Unterschiedliche sexuelle Identitäten und Orientierungen, verschiedene Beziehungsformen sowie unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse sollen Raum haben und wertfrei begleitet werden.

Dabei geht es nicht darum, alles gut finden zu müssen. Es geht darum, die eigene Haltung zu kennen und gleichzeitig die Lebensrealität und die Entscheidungen anderer Menschen respektieren zu können.

Paarberatung ist nicht gleich Sexualberatung

Sexualität ist natürlich ein Thema, das häufig in der Paarberatung auftaucht.

Aber Paarberatung ist nicht automatisch Sexualberatung.

Sexualität hat ihre eigene Entwicklungs-, Körper- und Lerngeschichte. Sie kann in einer Beziehung stattfinden, muss aber nicht. Deshalb braucht es aus meiner Sicht neben beraterischen oder therapeutischen Grundkompetenzen auch spezifisches sexologisches Wissen.

Welche sexualberaterischen Ansätze gibt es?

Sexualität ist für mich keine gerade Strecke. Ein sexuelles Problem lässt sich kaum mit einer einzigen Methode erklären oder lösen.

Ich glaube nicht, dass eine einzige Perspektive ausreicht, um die Komplexität menschlicher Sexualität zu verstehen. Je nachdem, mit welchem Anliegen ein Mensch in die Beratung kommt, kann eine andere Perspektive hilfreicher sein.

Ohne hier zu sehr ins Detail gehen zu wollen, möchte ich drei Tendenzen benennen, die in ihren Grundzügen auch in meiner Ausbildung vermittelt werden:

  • den systemischen, paarbezogenen Ansatz, beispielsweise die Systemische Sexualtherapie nach Ulrich Clement,
  • den psychodynamischen Ansatz, mit Themen wie der psychosexuellen Entwicklung und dem Bindungsmuster und
  • den körperorientierten Ansatz Sexocorporel.

Keine einzelne Perspektive erklärt Sexualität vollständig

Keine dieser Perspektiven kann die gesamte Landschaft menschlicher Sexualität abbilden. Jede setzt einen anderen Schwerpunkt und macht dadurch etwas anderes sichtbar.

Genau aus diesem Grund möchte ich mich in meiner Ausbildung nicht auf einen einzigen Ansatz konzentrieren. Ich möchte vielmehr wichtige Impulse aus verschiedenen Richtungen vermitteln und zeigen, wie unterschiedlich ein und dieselbe Frage betrachtet werden kann.

So kann die Frage eines*einer Klient*in aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden – und dementsprechend können auch die Impulse und Anregungen unterschiedlich sein.

  • Aus der systemischen Perspektive betrachten wir das System Paar und fragen uns, welche Funktion das sexuelle Thema innerhalb der Beziehung erfüllt und welche Botschaft sich möglicherweise dahinter verbirgt.
  • Aus der tiefenpsychologischen Perspektive betrachten wir, wie frühe Erfahrungen, die psychosexuelle Entwicklung und das entstandene Bindungsmuster das sexuelle Erleben und Verhalten eines Menschen beeinflussen können.
  • Aus der körperorientierten Perspektive – insbesondere aus dem Modell des Sexocorporel – betrachten wir den Körper als einen zentralen Ort sexuellen Lernens und sexueller Entwicklung. Wir beschäftigen uns damit, wie sich Erregung körperlich organisiert, welche Erregungsmodalitäten wir gelernt haben und welche Möglichkeiten es gibt, die eigenen sexuellen Ressourcen zu erweitern.
  • Für mich geht es dabei nicht darum, am Ende die richtige Perspektive zu kennen. Es geht darum, mehrere Landkarten zur Verfügung zu haben.

Was erlebst Du in der Ausbildung?

In meinem Ausbildungsformat beschäftigen wir uns von Tag 1 an mit den zentralen Fragen der Sexualität.

Weil man Sexualberatung nicht ausschließlich aus Büchern lernen kann, verbindet meine Ausbildung drei Ebenen:

Wissen

Sexologie, Sexualentwicklung, verschiedene Modelle und unterschiedliche Perspektiven.

Selbsterfahrung

Die eigene Sexualität, Körperwahrnehmung, die eigene Haltung, Grenzen und persönliche Prägungen.

Praxis

Rollenspiele, Beratungssituationen, Gesprächsführung und konkrete sexualberaterische Interventionen.

Diese drei Ebenen gehören für mich zusammen.

Wer Menschen in ihrer Sexualität begleiten möchte, sollte nicht nur wissen, was Sexualität ist. Er oder sie sollte auch die eigene Position dazu kennen und lernen, andere Menschen professionell zu begleiten.

Neben Impulsreferaten gibt es deshalb Zeit für Austausch und Reflexion in Kleingruppen.

Körperliche Selbsterfahrung in Form angeleiteter Körper-Spürangebote ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Hier lernen wir, unser körperliches Potenzial wahrzunehmen und unsere erlernte Erregungsmodalität im Sinne des Sexocorporel zu erweitern.

Auch Rollenspiele und das praktische Erlernen sexualberaterischer Kompetenzen begleiten die gesamte Ausbildung.

Reflexion der eigenen Haltung

Eine Ausbildung in Sexualberatung geht für mich Hand in Hand mit einer intensiven Auseinandersetzung mit sich selbst.

Selbsterfahrung und Selbstreflexion sind dabei zentrale Bestandteile.

Denn wir alle haben Vorstellungen davon, was normal ist. Was eine gute Beziehung ist. Wie viel Sexualität ein Mensch haben sollte. Was als lustvoll, ungewöhnlich, intim, richtig oder falsch gilt.

Diese Vorstellungen verschwinden nicht dadurch, dass wir professionell arbeiten. Professionell zu sein bedeutet für mich deshalb nicht, keine eigenen Vorstellungen zu haben.

Es bedeutet, sie zu kennen, zu reflektieren und nicht ungeprüft zum Maßstab für andere Menschen zu machen.

Theorie, Selbsterfahrung, praktische Kompetenz

Die Verbindung von Theorie, Selbsterfahrung und praktischer Kompetenz braucht Zeit. Deshalb habe ich mich bewusst dafür entschieden, den Grundlagenbereich nicht als kompakten Kurzlehrgang anzulegen.

Level 1 umfasst 112 Unterrichtseinheiten. Die gesamte Ausbildung über drei Levels umfasst 252 Unterrichtseinheiten.

Eine Ausbildung in Sexualberatung sollte für mich nicht darin bestehen, möglichst viele Themen in möglichst kurzer Zeit unterzubringen.

Sie sollte Raum schaffen, damit Wissen verstanden, erlebt, reflektiert und praktisch angewendet werden kann.

Ich möchte keine Sexualberater*innen ausbilden, die möglichst viel theoretisches Wissen kennen.

Ich möchte Menschen ausbilden, die Sexualität aus verschiedenen Perspektiven verstehen, sich selbst darin reflektieren und das Zusammenspiel von Körper und Geist nicht nur verstehen, sondern auch verinnerlicht und verkörpert haben. Menschen, die anderen offen und kompetent begegnen können.

Eine gute Landkarte nimmt uns die Reise nicht ab. Sie zeigt uns verschiedene Wege, macht Orientierung möglich und hilft uns zu erkennen, wo wir gerade stehen.

Genau das möchte meine Ausbildung vermitteln

Keine fertige Vorstellung davon, wie Sexualität sein soll, sondern Wissen, Orientierung, Selbstreflexion und praktische Kompetenz, um Menschen auf ihrem ganz eigenen Weg begleiten zu können.

Mein Ausbildungsangebot ist deshalb nicht nur eine Berufsausbildung, sondern auch ein geschützter Raum für persönliche und ganzheitliche Entwicklung.

Zum Schluss noch eine persönliche Note: Gerade beim Thema Sexualität zählt neben der fachlichen Kompetenz und der Wissensvermittlung auch das Gefühl, bei der richtigen Person gelandet zu sein. Vertrauen und das Gefühl, sich gut aufgehoben zu fühlen, sind für mich wichtige Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit.

Darum lade ich Dich herzlich ein, ein individuelles Infogespräch zu vereinbaren. Du kannst dabei alle Deine Fragen stellen und gleichzeitig die Gelegenheit nutzen, mich und meine Art zu arbeiten kennenzulernen.