Ein Bekannter fragte mich nach dem Sinn von Scham und wie man, dieses unangenehmes Empfinden - vor allem in der Intimität - überwinden kann. Als Sexualtherapeutin begegnet mir dieses Thema sehr oft. Ich sehe, wie Scham viele Menschen überkommt und sie in ihrem sexuellen Erleben und Verhalten blockiert. Darum habe ich mich mit dem Thema erneut auseinandergesetzt und habe in Büchern und Studien gestöbert.
Dieser Artikel ist das Ergebnis davon. Inspiriert - wie oft bei mir - vor allem durch die Lektüre eines interessanten Buchs von Markus Markusen: C. G. Jung und die Scham: Die verborgene Wunde der Seele, habe ich mich auf dem Weg gemacht und einiges über dieses unbeliebtes Gefühl herausgefunden. Scham als verborgene Wunde der Seele zu beschreiben, finde ich als Definition bereits sehr einleuchtend.
Was sagt die Psychologie
Markusen beschreibt Scham wie folgt: »Die Scham hat kein Gesicht. Sie hat ein Verschwinden. Sie ist das Gefühl, das sich selbst verbirgt, das sich schämt, überhaupt zu existieren. Wer sich schämt, schämt sich auch dafür, dass er sich schämt. Es ist eine körperliche Erfahrung, als soziale Regulierung, als existenzielle Wunde.»
Scham ist psychologisch betrachtet eine komplexe, als äußerst unangenehm empfundene, selbstbezogene Emotion. Sie ist eine der intensivsten und zugleich am wenigsten sichtbaren Emotionen. Sie beeinflusst uns subtil, wirkt auf unsere sozialen Beziehungen und kann tiefgreifende psychische Folgen haben.
Scham ist eine vielschichtige Emotion, die tief in unserer Identität verwurzelt ist. Sie entsteht, wenn der Mensch sein Verhalten, seine Gedanken oder Gefühle beurteilt und diese als minderwertig und/oder nicht den eigenen Normen oder den Erwartungen der Gemeinschaft entsprechend bewertet – sei es in Bezug auf unser Aussehen, unser Verhalten oder unsere vermeintliche Leistung.
Wie mehrere wissenschaftliche Studien zeigen, spielt Scham eine zentrale Rolle beim Entstehen psychischer Störungen: Scham ist eine verborgene Wunde der Seele, die nicht von alleine heilt.
Wie erleben wir Scham?
Wenn wir uns von außen betrachten und uns selbst, unseren Körper oder unsere Leistung als ungenügend bewerten, entsteht Scham. Das passiert zum Beispiel oft, wenn wir unsere sexuelle ›Leistung‹ von aussen beobachten. Dafür wurde auch der Begriff ›spectatoring‹ kreiert, d.h. sich während der sexuellen Intimität mental von seinem eigenen Körper zu distanzieren und sich selbst kritisch zu beobachten. Dies führt unweigerlich zum Nachlassen von Erregung und Lust oder blockiert beides direkt beim Entstehen.
Im Unterschied zu Schuld, welche sich auf eine konkrete Handlung bezieht («Ich habe etwas falsch gemacht»), betrifft Scham das gesamte Selbstbild («Ich bin falsch»). Scham wird zum Teil unserer Person. Wir können nicht büßen dafür. Die Seele wird durch die Scham verwundet und diese versteckte Wunde bleibt tief verborgen. Körperlich zeigt sich Scham durchs Erröten. Wir können sie den Mitmenschen kaum verstecken.
Wozu ist Scham da und wie funktioniert sie?
Scham ist wie eine gute Freundin, welche uns in Schutz nimmt. Sie achtet darauf, dass wir uns den sozialen Normen entsprechend verhalten. Sie schütz uns vor sozialer Ausgrenzung.
C.S. Jung beschreibt Scham als ein archetypischer Affekt, der zum Menschsein gehört wie der Schatten zum Licht. Die Scham, so Markusen, «braucht immer ein Gegenüber, auch wenn dieses Gegenüber nur ein internalisiertes Bild ist».
Wir können zwei Momente im Erleben von Scham differenzieren: die Scham-Angst, d.h. die Vorstellung, dass wir uns beschämen könnten, und dem Scham-Gefühl selbst, dem tatsächlichen Erleben der Beschämung.
Die Fähigkeit, Scham zu empfinden, wird als angeboren betrachtet. Neurologisch betrachtet ist die Scham eine Art Alarm, der tief im Nervensystem verankert ist, dass er sich dem Willen entzieht. Scham taucht erstmals im Alter von etwa achtzehn Monaten auf, und setzt das Ich-Bewusstsein voraus, also die Fähigkeit, sich selbst im Spiegel zu erkennen und als von anderen getrennte Person wahrzunehmen.
Das Kind, das den Blick der Mutter sucht und Missbilligung statt Ermutigung findet, erlebt seine erste Schamerfahrung, die sich tief in seiner Seele als Wunde versteckt.
Die Reinlichkeitserziehung
In der psychosexuellen Entwicklung des Menschen gibt es eine Phase, die besonders kritisch in Bezug auf Scham sein kann. Das ist die Zeit der Sauberkeitserziehung. Je nach dem wie die Eltern damit umgehen, entwickelt das Kind ein tiefverwurzeltes Gefühl von Scham. Wird das Kind beschämt, belächelt, bestraft, wenn es mal wieder es nicht bis zum Töpfchen geschafft hat, was zurückbleibt und sich tief einnistet ist das Gefühl der Minderwertigkeit, das Gefühl, den eigenen Körper nicht kontrollieren zu können. Die Konsequenz davon kann sich später in intimen Beziehungen durch ein besonders hartnäckiges Bedürfnis zeigen, die Kontrolle zu behalten, nicht loslassen können. Die Unfähigkeit, sich dem intimen Moment, der Lust hingeben zu können. Die Orgasmusproblematik findet oft hier ihren Ursprung.
Die Scham der Eltern
Die frühkindliche Beschämung ist die Urquelle der meisten psychischen Störungen, und sie geschieht oft nicht durch böse Absicht, sondern durch Unwissenheit, Überforderung oder die eigene unverarbeitete Scham der Eltern.
Das Kind erlebt in solchen Momenten ein totales Versagen. Die Beschämung der Eltern ist nicht Kritik an seinem Verhalten, etwas, was es ändern könnte. Es ist ein Urteil: Du bist falsch! Und weil das Kind von den Eltern abhängig ist, bleibt es ihm nichts anderes übrig, als diese Stimme zu glauben, dieses Urteil zu übernehmen und daran festzuhalten, lange nachdem die Eltern verstummt sind.
Wie beschämen die Eltern ihre Kinder
Es gibt verschiedene Wege, wie die Eltern ihre Kinder beschämen können. Die Reinlichkeitserziehung ist wie bereits gesehen eine häufige Variante. Hier noch einige Beispiele zum Verdeutlichen:
- Genauso beschämend ist die besitzergreifende Mutter, die durch Vereinnahmung beschämt. Sie beschämt das Kind, in seinem Versuchen, Autonomie zu gewinnen, seine Wege zu gehen. Ihr Satz heißt: «Wie kannst du mir das antun?». Das Kind lernt, dass seine Autonomie beschämend ist und unterdrückt seine Impulse in diese Richtung.
- Die Abwesenheit des Vaters beschämt gleichermaßen das Kind, dem Gegenüber Gleichgültigkeit gezeigt wird. Der abwesende Vater zeigt dem Kind, dass es nicht wichtig genug ist, um seine Aufmerksamkeit zu verdienen. Sein Schweigen sagt: Du bist nicht wert genug. Was das Kind lernt, ist, dass seine Existenz nicht der Beachtung wert ist.
- Die Rollenumkehrung - oder ›Parentifizierung‹ -, in der das Kind zum besseren Partner für ein Elternteil gemacht wird, der nicht in der Lage ist, seine eigenen emotionalen und/oder körperlichen erwachsenen Bedürfnisse anders zu befriedigen, ist eine besonders perfide Form der familiären Beschämung, weil sie dem Kind seine Kindheit stiehlt und es mit einer Scham belastet, die es nicht verdient hat.
Das ideale Selbstbild - die Maske - und der Schatten
Wir Menschen entwickeln im Laufe unseres Lebens eine Art idealisierten Selbstbildes, eine Mischung an Attributen und Eigenschaften, die wir für gesellschaftsfähig und wünschenswert halten. Diese zeigen wir der Welt draussen. Eine Art ›Maske‹. Ohne diese Maske würden die anderen sehen können, was sich dahinter im ›Schatten‹ befindet, d.h. die Anteile, die wir verbannt haben, die hässlich und ungeliebt sind, die Aspekte, wofür wir uns schämen würden, würden diese für andere sichtbar werden. Das heutzutage verbreitete Streben nach Authentizität und nach absoluter Ehrlichkeit verleiht den Eindruck, die eigene Maske abgelegt zu haben.
Interessanterweise betont Markusen dazu folgendes: «die Idee der Authentizität ist selbst eine Persona, vielleicht die raffinierteste aller Masken: die Maske der Maskenlosigkeit. Der Mensch, der sagt: Ich bin authentisch, ich zeige mich, wie ich bin, hat in Wahrheit eine neue Maske aufgesetzt, die Maske der Verletzlichkeit, die in der zeitgenössischen Kultur so beliebt ist.»
Die Entstehung des Bewusstseins
Der biblische Sündenfall zeigt tiefenpsychologisch betrachtet die Entstehung des Bewusstseins. Das ist eine Fähigkeit, die uns ermöglicht, uns von außen zu betrachten. In diesem Zustand des Bewusstseins entdecken wir, dass wir nackt sind, dass wir sterblich sind, dass wir unvollkommen sind. Die Scham - so Markusen - «ist die Kehrseite der Reflexion, der dunkle Zwilling des Selbstbewusstseins.»
In meiner Praxis als Sexualberaterin begegnet mir oft das Thema der Scham. Hier zeigt sich diese Emotion als stark einschränkend. Es erstickt gleich beim Entstehen jegliche sexuelle Regung und hinterlässt ein Gefühl der Unzulänglichkeit und Minderwertigkeit. Sexuelle Scham ist oft Ursache für Konflikte in der Paarbeziehung.
In der Sexualität wirkt die Scham am destruktivsten. «Die sexuelle Scham - so Markusen - betrifft den Körper in seiner verletzlichsten Form: nackt, erregt, bedürftig, dem anderen ausgeliefert. Die sexuelle Scham ist die tiefste Schicht der Körperscham, weil sie den Körper in seiner animalischen Wahrheit zeigt, in dem Moment, in dem der Mensch am wenigsten Kontrolle hat und am meisten sichtbar ist.»
Wie wir uns von dieser tiefliegenden Scham befreien können ist ein langer Prozess. Es fängt mit der Wahrnehmung dessen, was ist und nicht dessen, was sein sollte. In der sexuellen Intimität fängt es an mit dem Spüren des Körpers, mit der - möglichst - liebevollen und wertfreien Wahrnehmung, dessen, was gerade ist. Mit dem Loslassen von stereotypischen Vorstellungen, wie der Sex zu sein hat, wie man sich als sexuelles Wesen zu verhalten hat. Mit der Entdeckung der eigenen sexuellen Persönlichkeit, Präferenzen und Vorlieben.
Männliche Scham, weibliche Scham
Markusen unterscheidet zwischen männlicher und weiblicher Scham:
- Männer schämen sich vor allem um eines: schwach sein. Auf Sexualität bezogen heißt es: Seinen Mann nicht stehen zu können. Weil ein richtiger Mann kann immer und will immer. Ein richtiger Mann braucht niemanden. Darum leiden viele Männer an Einsamkeit und suchen weniger oft psychotherapeutische Hilfe, weil sie sich schämen, ihre Einsamkeit zu zeigen.
- Frauen hingegen leiden unter der Madonna-Hure-Spaltung. Diese erzeugt eine doppelte Scham für die Frau: die Scham der Reinheit und die Scham der Lust. Eine Frau hat sich zu benehmen, für den male gaze attraktiv zu sein, sie soll nicht zu viel fordern aber auch nicht so zurückhaltend sein, wenn es um Sex geht. Frau zu sein heute bedeutet in dieser Ambivalenz verfangen zu sein. Wie Markusen zusammenfassend beschreibt, hat die Emanzipation der Frau neue Formen der Scham geschaffen: «die Scham, nicht genug berufstätig zu sein, die Scham, nicht genug Mutter zu sein, die Scham, nicht genug feministisch zu sein, die Scham, zu viel oder zu wenig von allem zu sein. Die heutige Frau lebt in einem Scham-Minenfeld, in dem jede Entscheidung eine potenzielle Beschämung darstellt: die Entscheidung für die Karriere beschämt sie als Mutter, die Entscheidung für die Mutterschaft beschämt sie als Feministin, die Entscheidung für beides beschämt sie als Frau, die nicht genug von beidem schafft.»
Fazit
Das Thema Scham ist tiefgreifend und komplex. Als Sexualtherapeutin empfehle ich, sich der Scham ›freundlich‹ anzunähern. Sie als Alliierte statt als Feindin zu betrachten, die wir bekämpfen sollten.
Zu verstehen, wozu sie da ist, ist hilfreicher als sich lange damit zu befassen, warum sie entstanden ist. Sie komplett loszuwerden, halte ich auch für sinnlos und nicht wirklich erstrebenswert.
Viel mehr empfehle ich einen kleinschnittigen Prozess, bei dem die Scham sich immer wieder aus ihrer schützenden Stellung zurückzieht, weil sie erkennt, dass wir nun sie gerade nicht brauchen.
Dafür wird es unweigerlich notwendig sein, dass wir uns mit unseren internalisierten Glaubenssätzen sowie Geboten und Verboten kritisch auseinandersetzten und gleichzeitig dem Körper liebevollen Aufmerksamkeit schenken, um seine Trauma-Response immer besser und schneller zu erkennen und dieser bewußt sanft aufzulösen. Die durch die Scham verursachte, verborgene Wunde der Seele darf dann langsam Heilung finden.
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Einige Quellen
- Markus Markusen: C. G. Jung und die Scham
- Journal für Psychologie https://journal-fuer-psychologie.de/article/download/0942-2285-2024-1-51/html?inline=1
- Thieme https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/s-2007-986359?innerWidth=412&offsetWidth=412&lang=en&device=desktop&id=
- Linkedin https://de.linkedin.com/pulse/scham-die-unterschätzte-emotion-bei-essstörungen-neue-wilhelm-t7m5f#:~:text=Sie beeinflusst unser Selbstbild, unsere sozialen Beziehungen,der Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen spielt.
- Uni Innsbruck https://ulb-dok.uibk.ac.at/ulbtirolhs/download/pdf/11423368