Ob Frauen sexuell erregbarer als Männer seien, ist das Thema dieses Artikels. Die Idee dazu kam mir, als ich über eine Studie gestolpert bin, die genau diesen Aspekt thematisierte. Ich war ziemlich überrascht über die Schlussfolgerungen, die aus der Studie herausgezogen wurden. Diese möchte ich nun gerne mit Dir teilen. Was glaubst Du? Sind Frauen sexuell erregbarer als Männer? Wir schauen mal gemeinsam.
Was zeigen die Studien?
Die Frage, ob Frauen sexuell erregbarer als Männer seien, können wir aufgrund der Komplexität menschlicher Sexualität nicht eindeutig mit ›Ja‹ oder ›Nein‹ beantworten. Wissenschaftliche Studien zeigen ein differenziertes Bild zur sexuellen Erregbarkeit von Frauen und Männern. Es lässt sich nämlich nicht pauschal sagen, dass ein Geschlecht ›erregbarer‹ ist; vielmehr unterscheiden sich oft die Art der Auslöser (die sogenannten Erregungsreize oder Erregungsquellen) und die Wahrnehmung der Erregung (die physiologische Reaktion des Körpers – verstärkte Durchblutung – mag ausgelöst worden sein, die Person nimmt es aber nicht bewusst wahr). Die Tatsache, dass es verschiedene Ebenen der Betrachtung gibt, verkompliziert die pauschale Beantwortung dieser Frage. Darum beschreibe ich in diesem Artikel diese verschiedenen Perspektiven, aus denen wir die Frage der sexuellen Erregbarkeit der Frauen betrachten und beantworten können.
Die Ebene sexuellen Begehrens
Sexuelles Begehren lässt sich als die positive Vorwegnahme einer sexuellen Handlung – mit sich selbst oder mit einer anderen Person – definieren. Das heißt: Wir denken an eine vergangene intime Begegnung, wir fantasieren über eine Person, die wir gerade kennengelernt haben, und das entstandene innere Bild ist von positiven – ›lustvollen‹ – Gedanken und Emotionen gekennzeichnet.
Sexuelles Begehren lässt sich auch zwischen ›spontanem‹ (Erregung entsteht sozusagen – gefühlt – ›von selbst‹) und ›responsivem‹ Begehren (Erregung entsteht als Reaktion auf sexuelle Reize, Kontext oder Stimmung) unterscheiden.
Das Ergebnis der Studie: Männer neigen eher zum spontanen Begehren, Frauen eher zum responsiven. Man könnte in diesem Fall daraus schlussfolgern, dass Männer erregbarer wären.
Dennoch würde ich folgende Hypothese aufstellen: Wie wäre es, wenn Frauen häufiger den richtigen Kontext für sich selbst kreieren könnten und die Partner dieser Frauen dafür sorgen würden, den weiblichen Zugang zur sexuellen Erregung besser zu berücksichtigen? Wir können nämlich generell davon ausgehen, dass sich der ›männliche‹ Zugang breitflächig und schon länger als DAS Modell etabliert hat, so dass er als ›normal‹ und ›richtig‹ empfunden wird, während das ›weibliche‹ als weniger richtig und stimmig angesehen wird.
Reaktion auf visuelle Reize
Sexuelle Erregung ist eine physiologische, natürliche Funktion, die auf dem angeborenen und unwillkürlichen Erregungsreflex basiert. Dieser besteht für alle biologischen Geschlechter aus der Vasokongestion (verstärkte Durchblutung der Genitalien).
Damit der Erregungsreflex ausgelöst werden kann, ist die Wahrnehmung sexueller, individuell relevanter Reize notwendig. Sexuelle Reize sind hauptsächlich das Ergebnis sensorischer Empfindungen, nämlich aller Stimuli, die über die fünf Sinne wahrgenommen werden (die ebenfalls eine Rolle beim spontanen Begehren spielen). Erinnerungen und sexuelle Fantasien sowie starke Gefühle wie in der Verliebtheit können als sexueller Reiz dienen.
Während Männer visuell ansprechbarer sind und generell einen einzigen Reiz benötigen, um erregt zu werden, brauchen Frauen mehrere Reize gleichzeitig und sind auf die innere Stimmung und auf die gesamte ›Beziehungsatmosphäre‹ angewiesen, damit das weibliche Gehirn die Gesamtlage als sexuell relevant erkennt und dementsprechend den Befehl erteilt, mehr Blut in die Genitalien zu schicken.
Das Ergebnis der Studie: Die Ergebnisse einer Studie von Northwestern Medicine aus dem Jahr 2003 deuten darauf hin, dass die sexuelle Erregung bei Frauen weniger stark an die sexuelle Orientierung gekoppelt sei als bei Männern; Frauen zeigten teilweise ›unspezifische‹ Reaktionen auf unterschiedliche Stimuli, unabhängig von ihrer eigenen Orientierung. Das bedeutet, dass ihr Körper auf eine breitere Palette sexueller Darstellungen reagiert, auch wenn sie diese subjektiv nicht immer spüren und erkennen. In diesem Fall hat der Körper zwar mit den entsprechenden Zeichen von Erregung auf sexuelle Reize reagiert, diese werden dennoch nicht wahrgenommen.
Heterosexuelle männliche Probanden reagierten zum Beispiel weniger auf homosexuelle Inhalte mit Männern. Frauen hingegen reagierten auf allen möglichen Settings.
In diesem Fall können wir behaupten, dass Frauen sexuell erregbarer als Männer seien. Aber warum nehmen Frauen Erregung weniger wahr und warum sind Frauen in diesem Sinne erregbarer als Männer? Auf diese Fragen gehen wir in den weiteren Abschnitten ein.
Die physiologische Wahrnehmung sexueller Erregung
Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen sexueller Erregung (Durchblutung der Genitalien) und der Wahrnehmung davon.
Bewusste Wahrnehmung entsteht durch die Übertragung von Sinnesreizen (zum Beispiel taktilen), welche durch die Nervenbahnen ans Gehirn weitergeleitet und verarbeitet werden und erst dann Wahrnehmung ermöglichen.
Aus verschiedenen – anatomischen sowie kulturellen – Gründen entwickeln Männer eine frühere Wahrnehmung des eigenen Genitals als Frauen.
Anatomisch betrachtet ist das männliche Genital taktilen Reizen exponierter und leichter sichtbar als das weibliche. Dies ermöglicht eine stärkere Sendung von Informationen ans Gehirn, welche wiederum eine frühere und eindeutigere Wahrnehmung des eigenen Genitals ermöglichen.
Kleine Jungs lernen zum Beispiel sehr früh, beim Wasserlassen ihr Genital in die Hand zu nehmen (taktile Reize). Sie können ihn leichter sehen und ihn deutlicher auch durch den Stoff der Kleidung spüren.
Bei Mädchen hingegen passiert oft genau das Gegenteil. Mädchen lernen, dass sie sich ›da unten‹ nicht anfassen sollten, höchstens mit etwas Papier trockenreiben. Das bremst die Entwicklung auf neurologischer Ebene einer Abbildung des eigenen Genitals, welche bewusste Wahrnehmung ermöglichen würde (in der somatosensorischen Kortex befindet sich ein Abbild – der sogenannte Homunkulus – des gesamten Körpers. Dieses Bild formt sich mit der Zeit dank taktiler Reize, die im Gehirn verarbeitet werden).
Hinzu kommt, dass das weibliche Genital nur zum Teil außen liegt – die Vulva mit der Klitorisperle –, während sich der größte Teil davon im Inneren entfaltet: die Vagina mit den Klitorisschenkeln und ihren Schwellorganen, der G-Bereich, die Gebärmutter mit dem Muttermundhals (zuständig für den Zervixorgasmus). Dieser Bereich wird meist gar nicht berührt, so dass für viele Frauen dieser Teil des eigenen Genitals – neurologisch betrachtet – oft ein ›unbewohntes Land‹ bleibt.
Das Ergebnis der Studie: Basierend auf der Tatsache, dass Männer eine Art ›Autobahn‹ zum Gehirn aufbauen, während Frauen einen ›Trampelpfad mit vielen Baustellen‹ entwickeln, ist die Übertragung von Reizen für Männer einfacher und schneller, dementsprechend die Wahrnehmung von Erregung leichter.
Eine Meta-Analyse von 132 Studien ergab, dass die Übereinstimmung (Konkordanz) zwischen körperlicher Erregung und subjektiv empfundener Erregung bei Männern höher ist (ca. 44 %) als bei Frauen (ca. 7 %). Frauen können körperlich erregt sein (durch Instrumente messbar), ohne es wahrzunehmen, während Männer ihre körperlichen Signale oft schneller wahrnehmen und leichter als Lust auf Sex übersetzen können.
Die Frage, ob Frauen sexuell erregbarer als Männer seien, aus dieser Perspektive betrachtet, ist ›Jain‹: Sie sind erregbarer (siehe vorherige Abschnitte), sie nehmen es aber sehr oft nicht wahr.
Warum sind Frauen erregbarer als Männer?
Die Annahme, dass die körperliche Erregung bei Frauen oft eine automatische Reaktion ist, die den Körper auf Geschlechtsverkehr vorbereitet, wird durch biologische und sexologische Untersuchungen weitgehend bestätigt.
Aus der Beobachtung, dass Frauen undifferenzierter auf verschiedene sexuelle Konstellationen mit Erregung reagieren (stärkere Durchblutung des Genitals, Lubrikation – das Feuchtwerden), entsteht die Frage: Warum sind Frauen sexuell erregbarer als Männer? Wohlgemerkt: Die Tatsache, dass Frauen auf verschiedene Reize mit Erregung (physiologische Reaktion) reagieren, heißt noch lange nicht, dass sie diese auch wahrnehmen und/oder dass sie zwingend auch Lust (mentale, emotionale Reaktion) empfinden, in der jeweiligen Situation, mit diesem bestimmten Menschen, oder auf eine spezifische, ihr nicht willkommene Art, Sex zu haben.
Die physiologische Reaktion (das Anschwellen des Genitals und das Feuchtwerden) und die psychologische Lust (Kopf/Gefühl) sind zwei verschiedene Prozesse, die nicht immer parallel verlaufen. Das bedeutet, der Körper kann ›bereit‹ sein, während die Person sexuell trotzdem keine Lust auf Sex empfindet. Dieser Zustand wird in der Forschung oft als Arousal Non-Concordance (fehlende Übereinstimmung von körperlicher und emotionaler Erregung) bezeichnet. Umgekehrt ist ebenfalls möglich: Die innere Bereitschaft und Lust sind spürbar, aber der eigene Körper reagiert nicht.
Das Ergebnis der Studie: Die breitgefächerte Fähigkeit der Frau zur physiologischen sexuellen Erregung hat eine Schutzfunktion und dient der Vorbereitung. Die körperliche Erregung führt zu einer erhöhten Durchblutung im Genitalbereich. Dies bewirkt eine Schwellung des Klitorisorgans und der Vulvalippen sowie eine vaginale Lubrikation (Feuchtwerden) und den sogenannten ›Tenting effect‹. Diese ist eine anatomische Veränderung der Vagina während der sexuellen Erregung. Im erregten Zustand zieht sich der obere (innere) Teil der Vagina in die Länge und diese erweitert sich. Dabei wird der Gebärmutterhals leicht angehoben. Der Körper wartet nicht erst auf die bewusste Entscheidung des Gehirns, sondern bereitet sich physiologisch auf den Besuch eines ›Gastes‹ vor, um das Risiko von Schmerzen oder Gewebeschäden zu minimieren, falls es zu einem Kontakt kommt.
Fazit
Dieser Artikel beleuchtet einen einzigen Aspekt weiblicher und männlicher Sexualität und stellt fest, dass aus einer bestimmten Perspektive Frauen sexuell erregbarer als Männer seien. Menschliche Sexualität – unabhängig vom biologischen Geschlecht – ist allerdings wesentlich komplexer. Die physiologische Ebene spielt zwar eine zentrale Rolle bei allen Menschen, ist aber nicht die einzige Dimension, die unser sexuelles Erleben und Verhalten beeinflusst. Um menschliche Sexualität begreifen zu können, darf keine dieser verschiedenen Ebenen unbeachtet bleiben.
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Quellen
MAX PLANK Institut 2019
https://www.mpg.de/13723082/das-gehirn-von-maennern-und-frauen-reagiert-gleich-auf-erotische-bilder (gesehen am 6.3.2026)
NORTHWESTERN MEDICINE 2003
https://news.feinberg.northwestern.edu/2003/06/01/sexuality/ (gesehen am 6.3.2026)
TAZ 2015
https://taz.de/Kommentar-Sexstudie/!5249256/#:~:text=* heizungsgesetz. * verlag.
CINDY MESTON 2018
https://www.researchgate.net/publication/325745399_Desynchrony_Between_Subjective_and_Genital_Sexual_Arousal_in_Women_Theoretically_Interesting_but_Clinically_Irrelevant#:~:text=meta-analysis on the,nal photoplethysmograph [2], (gesehen am 6.3.2026)
https://www.self.com/story/female-sexual-response-cycle#:~:text=* Performance. * Functional. (gesehen am 6.3.2026)